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Ohne Keimruhe keine Kartoffeln

Die Ernte 2018 ist besonders anfällig auf das Auskeimen. Es gibt aber Mittel dagegen.

· Pflanzenbau
Wichtig für Lagerkartoffeln ist eine hohe Keimruhe. Die Ernte 2018 ist besonders anfällig auf das Auskeimen. Es gibt aber Mittel dagegen.

Die Kartoffelernte 2018 ist Geschichte. Die Knollen sind schon verkauft und verarbeitet oder eingelagert. Wichtig für Lagerkartoffeln ist eine hohe Keimruhe. Die Ernte 2018 ist besonders anfällig auf das Auskeimen. Es gibt aber Mittel dagegen.

Das Jahr 2018 war geprägt durch hohe Temperaturen und wenig Feuchtigkeit», blickt Fachstellen-Leiter Andreas Rüsch vom Strickhof zurück.

 

Und was hat das mit dem Auskeimen der Kartoffeln zu tun? Rüsch erklärt: «Die Kartoffel hat einen Zyklus. Nach dem Setzen erfolgt der neue Knollen-Ansatz. Diese Knollen wachsen, sie werden geerntet, eingelagert und sollen im Frühling – sofern es sich um Saatkartoffeln handelt – wieder austreiben, damit sie erneut gesetzt werden können.»

 

Jede Kartoffel-Sorte hat eine genetisch definierte Keimruhe-Phase vom Knollenansatz bis zur Bildung der ersten neuen Keimspitzen. Im Vergleich zu anderen Kulturen ist diese bei den Kartoffeln erheblich länger.

 

«Weizen beispielsweise kann bereits an der Ähre wieder keimen, was wir dann als Auswuchs bezeichnen», erklärt Rüsch. Bei den Kartoffeln kann es auch zu diesem Phänomen kommen. Treiben die neu gebildeten Knollen bereits im Boden wieder aus, spricht man von Durchwuchs oder Zwiewuchs.

 

Häufiger ist aber das Problem, dass die Kartoffeln am Lager bereits die genetisch definierte Keimruhe durchbrechen. Die Jahresunterschiede treten auf, weil die Keimruhe abhängig von der Temperatursumme ist. «Ist es während der Saison immer warm, so altern die Kartoffeln innert kurzer Zeit. Sie sind dann physiologisch gealtert, weil sich eine hohe Temperatursumme angesammelt hat», erklärt Andreas Rüsch.

 

Ab dem Moment, in welchem die neuen Knöllchen gebildet werden, tickt die biologische Uhr der Kartoffeln. Der Wärmesummen-Zähler läuft quasi immer mit. Ist es warm, werden die Kartoffeln schneller physiologisch alt und treiben daher in Tagen gesehen früher wieder aus.


«Dieser Effekt wird beim Vorkeimen der Kartoffeln benutzt, in dem man die Saat-Kartoffeln vor dem Setzen aus dem Lager nimmt und an die Wärme stellt», so Rüsch.

 

Aus diesem Grund können auch parzellenweise Unterschiede auftreten. «Wenn von der gleichen Sorte zwei Parzellen am gleichen Tag gepflanzt worden sind, können die Kartoffeln auf der südexponierten Parzelle mit leichtem Boden viel früher wieder auskeimen als jene am Nordhang.»
 

Herausforderung für Landwirte, welche für die Direktvermarktung kleine Mengen selbst lagern 

Die Lagerung ist eine Angelegenheit für Profis. Und doch gibt es Landwirte, die zur Direktvermarktung kleinere Mengen auf ihrem Betrieb lagern. «Erste Priorität für eine gute Lagerfähigkeit der Kartoffeln hat die Sortenwahl», weiss Andreas Rüsch. Frühkartoffeln wie Amandine haben eine wesentlich kürzere Keimruhe als beispielsweise die Sorte Venezia.


Direktvermarkter sind aber oft auf ein breites Sortiment angewiesen und können sich nicht alleine auf die Lagerfähigkeit der Kartoffeln konzentrieren. Heuer wäre die frühere Ernte eine Option gewesen. Das Problem: Die Böden waren zu trocken und die Knollen noch nicht schalenfest. Es hätte die Gefahr von Schlagschäden bestanden.

Wer für grosse Abnehmer produziert, ist bezüglich Erntetermin ohnehin weniger flexibel. «Die Lager geben den Takt vor», weiss Rüsch. Und die grossen Abnehmer wollen nicht zu früh mit dem Einlagern beginnen.

Zurück zur Direktvermarktung. Wichtig ist, dass die Knollen nach der Ernte unmittelbar an den Schatten gestellt und rasch gekühlt werden – der Wärmesummen-Zähler läuft auch nach der Ernte weiter. Die Kartoffeln sollten rasch auf 4 bis 6 Grad abgekühlt werden. Dieses Jahr war das nur mit einer Aktiv-Kühlung möglich. Die Aussentemperaturen waren zu hoch, als dass eine blosse Lüftung ausgereicht hätte. Die Lagerzelle für die Kartoffeln sollte isoliert und dunkel sein. Wer selber keine Lagerzelle anschaffen möchte, kann sich extern einmieten. «Das wäre für den Landwirt die einfachste Lösung», ist Rüsch überzeugt.

Die chemische Behandlung der Lagerkartoffeln ist möglich – aber sehr umstritten

Zum Schluss bleibt immer noch die Möglichkeit der chemischen Behandlung der Lagerkartoffeln mit Chlorpropham. Direktvermarkter wenden das Produkt in der Regel in Form von Puder an, das umstritten ist.

Es besteht die Gefahr von Rückständen sowie einer Schalenverbrennung. Zumal die Dosierung von Hand sehr schwierig und meistens ungenau ist.

«Diese Behandlung sehen die Kunden von Direktvermarktern nicht gerne», gibt Rüsch zu bedenken. Chlorpropham ist für Säugetiere toxisch und die Langzeitwirkungen sind nicht erforscht.

Auch Profis setzen heute auf Chlorpropham zur Stabilisierung der Kartoffeln am Lager. Eingesetzt wird der Wirkstoff, der die Zellteilung in den Keimen hemmt, aber in Gasform. Hansueli Brechbühl von BASF schätzt, dass zwei Drittel aller Lagerkartoffeln mit Chlorpropham behandelt werden. Das Produkt ist heikel, und die Suche nach sauberen Alternativen läuft.
 

«1,4-Sight» von BASF könnte das umstrittene Chlorpropham ab dem Jahr 2020 ablösen

BASF hat in der Schweiz das Mittel «1,4-Sight» mit dem Wirkstoff Dimethylnaphtalin zur Bewilligung angemeldet. Das in Österreich schon bewilligte Produkt wirkt als Pflanzen-Hormon hemmend bei der Auxin-Produktion. So wird die Bildung neuer Keime verhindert. Die Anwendung erfolgt über eine Vernebelungs-Anlage. Zur Bewilligung sind weitere Resultate nötig. Brechbühl rechnet, dass das Produkt ab 2020 auf den Markt kommt. Er schätzt, dass «1,4-Sight» etwas teurer als Chlorpropham sein wird, dafür aber ökologische Vorteile mit sich bringe.

Das System Restrain ist einfach, unbedenklich und schon etabliert

Eine schon etablierte Alternative auf dem Markt ist das System der Firma Restrain: Ein Generator erzeugt aus flüssigem Alkohol das Gas Ethylen, das für Menschen unbedenklich ist.

Das System Restrain überzeugt durch eine äusserst einfache Handhabung: Es ist in fünf Minuten installiert, bauliche Anpassungen an bestehende Lager sind nicht nötig. Und es gibt keine Rückstände in den Kartoffeln. Für Direktvermarkter also interessant. Aber erst dann, wenn man der Kundschaft erklären kann, weshalb auf Chlorpropham verzichtet wird. Und wenn die Kunden bereit sind, einen Mehrpreis zu bezahlen. Beim System Restrain können Geräte nur gemietet statt gekauft werden – für 1500 Euro pro Saison plus variablen Kosten von 2,65 Euro pro Tonne Lagerkartoffeln.

Tristan Rutishauser aus Güttingen TG hat sich für das System Restrain entschieden. «Ausschlaggebend war für mich, dass das Pulver die optische Qualität der Kartoffeln beeinträchtigt hat», so der Landwirt, der jährlich 30 Tonnen Kartoffeln direkt vermarktet. Ein weiterer Vorteil, seit Rutishauser auf das neue System setzt: «Früher musste man beim Sortieren fast eine Maske tragen wegen dem ganzen Staub. Heute ist das viel angenehmer.» 

Wesentlich Einfluss auf die Wahl der Mittel zur Verhinderung der Keimbildung hat der Staat. Noch ist unklar, ob im Rahmen des Aktionsplans Pflanzenschutz das Mittel Chlorpropham unter Beschuss bekommt. Wenigstens gäbe es in diesem Fall Alternativen für Landwirte und die nachgelagerten Betriebe.

Text: Sebastian Hagenbuch 

Bild: Fotolia

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