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Guy Parmelin: Ein Meisterlandwirt im Bundeshaus

Porträt des neuen Schweizer (Land-)Wirtschaftsministers

· Agrarpolitik

Bundesrat Guy Parmelin kennt die Landwirtschaft – 30 Jahre lang war er Landwirt und Winzer. In dieser Zeit hat er gelernt, Entscheidungen zu treffen, die Kosten im Griff zu haben und Menschen zu führen.

Bevor Guy Parmelin und sein Bruder am Samstag Fussball spielen durften, mussten die Buben im Rebberg zwei Reihen säubern. Daran erinnert sich der Bundesrat sofort. Zwang hätten seine Eltern aber sonst nicht gross ausgeübt, die Kinder mussten nicht täglich melken oder im Stall helfen. Und deshalb war es dem Vorsteher des Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport VBS (bis Ende 2018) nach der Matura auch wichtig, seine Lehre auf einem anderen Landwirtschaftsbetrieb zu machen. Denn der Herr im eleganten dunklen Anzug, der «die grüne» im Bundeshaus empfängt, ist Meisterlandwirt. Aufgewachsen ist er in Bursins VD, auf einem klassischen Betrieb mit Milchkühen, Ackerbau und Reben.

Guy Parmelin erzählt, dass er auf dem Lehrbetrieb in Altavilla begriffen habe, was Landwirtschaft alles beinhalte: «Ich wusste zwar, wie man eine Kuh melkt. Aber was sie wieso zu fressen bekommt, habe ich erst dann richtig gelernt.»

1980 ist er auf dem Hof seines Vaters eingestiegen, 1993 hat er diesen mit seinem Bruder übernommen. Die Brüder haben bis 2011 auch Milchkühe gehalten. Mittlerweile betreibt Christophe Parmelin den Rebberg allein: «Ab und zu ruft mich mein Bruder an und fragt mich nach meiner Meinung», sagt Bundesrat Parmelin. Aber grundsätzlich mische er sich überhaupt nicht ein und trenne klar. Er habe sich komplett vom Betrieb verabschiedet: «Mein Amt lässt dafür überhaupt keine Zeit.» Wenn er am Wochenende zurück nach Bursins gehe, geniesse er einen Spaziergang in den Reben.

Doch wer sich vorstellt, dass der Bundesrat bei der Trauben-Ernte mithilft, liegt daneben. Heuer etwa habe er von der Ernte gar nichts mitbekommen, sagt er. Ob da ein kleines bisschen Bedauern mitschwingt? Schwer zu sagen. Parmelin ist seinem Amt verpflichtet und arbeitet auch am Wochenende an seinen Dossiers.


In seiner Zeit als Landwirt hat Guy Parmelin gelernt, Entscheide zu treffen und Menschen zu führen

Guy Parmelin ist überzeugt, dass die Landwirtschaft die Quelle für alles sei. Nach den Grossrats- und Nationalrats-Sitzungen sei es für ihn immer schön gewesen, heimzukommen und im Stall zu arbeiten.


Er habe in der Landwirtschaft führen gelernt und musste Entscheide treffen, auch in der Personalführung. Dazu kommen die Erfahrungen mit Buchhaltung und das Bewusstsein für Preise und Kosten.


Als Meisterlandwirt hat er 19 Jahre lang Lehrlinge ausgebildet. Auch Praktikanten der ETH hat Guy Parmelin betreut. Die Landwirtschafts-Ausbildung hält er grundsätzlich für gut. Paradox findet er aber, dass sich viele junge Menschen für Landwirtschaft interessieren, aber Mühe hätten, einen Betrieb zu übernehmen. Deshalb habe er seine Lehrlinge jeweils ermuntert, einen zweiten Beruf zu lernen – Metzger zum Beispiel. Das ermögliche es, dynamisch zu sein. Was ihn ihm aber wirklich wichtig ist: «Die Entwicklung an der ETH im Bereich Agraringenieur sollte auch in Zukunft in Bezug zur Realität stehen.» Die Beziehung zur Hofarbeit, dem Unternehmertum und den Bezug zum Markt sei besonders wichtig.

Lob hingegen findet die junge Generation von Önologen und die Weinbauschule von Agroscope in Changins: «Das sind sehr gute Leute, sehr dynamische, viele Frauen auch.»


Nischenproduktion ist anspruchsvoll und den Gesetzen des Marktes unterworfen


Was hält er von den jungen Landwirten, die sich in Nischen bewegen? Guy Parmelin zitiert ein französisches Sprichwort «Il y a un seul chien dans une niche». Es gebe nur Platz für einen Hund in der Hütte: Nischenproduktion sei anspruchsvoll und bewege sich in einem limitierten Markt mit diversen Schwierigkeiten, etwa im Export.


Als Beispiel berichtet er aus seiner Zeit als Verwaltungsrat der Fenaco: In Paris hätten sie einen Abnehmer für rote Golden-Äpfel gefunden. Dafür mussten sie den Bauern lehren, wie die Bäume zu schneiden seien. Nur ein geringer Teil der Ernte pro Baum (15 bis 18 Prozent) habe dann die gewünschten Äpfel geliefert, die restlichen seien gelb geblieben. Knackpunkt sei die vertraglich vereinbarte Menge gewesen. Als Hagel eine Ernte schädigte, wollten die Produzenten in der Folge Netze montieren. Das habe zu Problemen mit den Raumplanungsämtern geführt.


Auch sein Blick auf die Direktvermarktung ist ein kritischer: Ein Hofladen oder der Verkauf am Strassenrand seien nicht für jeden Betrieb möglich – wer weiter weg von der Strasse sei, müsse zum Beispiel in einen Lieferwagen investieren. Zudem: «Wenn jeder am Wochenende mit dem Auto zum Hofladen fährt, gibt das Verkehrsprobleme.» Dennoch ermuntert er die jungen Landwirte: Wer eine Idee habe, brauche Mut, Motivation und Widerstandsfähigkeit. Zudem Zeit, bis sich etwas am Markt etablieren kann.


Sein Vater etwa hat den Hof mitten im Dorf 1971 aufgegeben. Zu umständlich sei das Bauern mitten in Bursins gewesen. «Es hatte damals schon zu viel Verkehr. Mein Vater hatte den Stall auf der einen Seite der Strasse und den Miststock auf der anderen.» Einen Kilometer ausserhalb des Dorfs entstand ein neuer Hof, mit einem Stall für 20 Milchkühe. «Die anderen Bauern fanden das viel zu gross.» Heute wäre dieser Viehbestand dagegen zu klein, um rentabel zu sein.

Guy Parmelin hatte die Freiheit, sich zu irren und neue Technologien auszuprobieren


Guy Parmelin erinnert sich auch gut an seine Anfangszeiten als Landwirt. Sein Vater habe ihm viele Freiheiten gelassen – auch die Freiheit, sich zu irren. «Nach der Landwirtschaftsschule glaubt man ja, alles zu wissen», erzählt er. Etwa beim Düngen des Weizens – damals seien neue Technologien aufgekommen. Da habe er sich auch ab und zu geirrt und es dann wieder nach Vaters Sitte gemacht. Neue Technologien fand und findet er spannend. Im Rebbau etwa hat er die Entwicklung der biologischen Schädlingsbekämpfung miterlebt. Sein Bruder spritze seit langem keine Insektizide mehr. Die Rote Spinne, welche Schaden anrichten könne, werde mit Nützlingen bekämpft.

Auf dem Betrieb haben die Brüder alles gemeinsam gemacht. Beide seien in Stall, im Rebberg und beim Getreideanbau aktiv gewesen. Guy Parmelin fand die Arbeit mit den Milchkühen speziell spannend. Er sei immer gern dabei gewesen, wenn seine Kühe gekalbt hätten. Gezüchtet hat er nicht, aber gekauft und verkauft. Doch einen gewissen Stolz auf gute Kuhkälber, den spürt man.

Text: Dominique Eva Rast

Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone

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