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Ferkel-Kastration: Ganze Kerle sind nicht gefragt

Bis heute besteht keine Nachfrage und damit auch kein Markt für Eberfleisch.

· Tierhaltung
Die Ferkelkastration ist in der Schweiz nur noch unter Narkose erlaubt. Ebermast – also der Verzicht auf Kastration – wäre aus Expertensicht die beste Lösung für die Tiere. Bloss besteht bis heute keine Nachfrage und damit auch kein Markt für Eberfleisch.

Die Ferkelkastration ist in der Schweiz nur noch unter Narkose erlaubt. Ebermast – also der Verzicht auf Kastration – wäre aus Expertensicht die beste Lösung für die Tiere. Bloss besteht bis heute keine Nachfrage und damit auch kein Markt für Eberfleisch.

Fast so alt wie die Schweinehaltung ist der chirurgische Eingriff der Ferkelkastration. Fünf bis zehn Prozent der männlichen Schweine entwickeln einen Geruch. Dieser sogenannte Ebergeruch ist im Fleisch wahrnehmbar. Aus diesem Grund werden in der Schweiz so gut wie alle männlichen Ferkel kastriert. Das sind jährlich 1,3 Mio Tiere.


Seit 2010 darf in der Schweiz die Ferkelkastration nur noch unter Narkose durchgeführt werden


Durchgesetzt hat sich die Gasnarkose mit Isofluran. Diese Narkose-Methode wird heute auf über 90 Prozent der Schweizer Schweinezucht-Betrieben angewendet. «Nach fast zehn Jahren beinahe flächendeckender Anwendung der Gasnarkose mit Isofluran ist es nun wichtig, dass die Wartung der Geräte sichergestellt wird», sagt Peter Spring. Er arbeitet an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften HAFL und leitete das Projekt «ProSchwein», in welchem die Methoden entwickelt oder getestet wurden. «Die Kastrations-Methode mit der Gasnarkose funktioniert nur optimal, wenn Landwirte und Tierärzte zusammenarbeiten», sagt Peter Spring. «Alle Landwirte müssen sich bemühen, die Kastration fachgerecht durchzuführen.»


Laut Marco Staub, Projektverantwortlicher «Ebermast» bei der KAGfreiland, erfolgt die Dosierung des Gases unabhängig von der Körpergrösse und dem Gewicht der Ferkel. Dies führt teilweise zu unzureichenden Betäubungsergebnissen während des operativen Eingriffs. «Da es sich bei Isofluran ausserdem um ein cancerogenes und klimaschädliches Gas handelt, kann es auch negative Auswirkungen auf die Gesundheit des Menschen und die Umwelt haben», erklärt Staub.


Für die KAGfreiland ist daher keine Kastration die beste Lösung. Auch Peter Spring bemerkt, dass der Verzicht auf die Kastration sicherstellen würde, dass es keine unsachgemäss ausgeführten Eingriffe mehr gäbe.


Keine Nachfrage für Produkte aus der Jungeber-Mast

Aus Sicht des Tierwohls sind sich also beide Experten einig, dass keine Kastration die beste Lösung wäre. Und trotzdem findet man in den Schweizer Fleischregalen kaum Eberfleisch.


Peter Spring begründet dies damit, dass bis heute eine sichere Methode fehlt, um die geruchsbelasteten Schlachtkörper zu erkennen. Der Ruf von Schweinefleisch könnte demnach negativ beeinflusst werden. Dieses Risiko ist den Marktteilnehmern zu gross.


Peter Spring erwähnt aber, dass sich die Perspektiven für Jungebermast im Schweizer Markt rasch ändern könnten. Vor allem durch neue technische Entwicklungen oder durch einen vollständigen Verzicht auf chirurgische Kastration im umliegenden Ausland oder der gesamten EU.


«Vorarbeiten und Projekte, welche in der Vergangenheit gemacht wurden, könnten somit plötzlich sehr wertvoll sein», betont Spring.


Damit sind abgeschlossene Projekte gemeint, wie «Zucht gegen Ebergeruch» oder «Wertschöpfungssteigerung bei geruchsauffälligen Jungeber-Schlachtkörpern». Zurzeit gibt es in Schweiz keine weiteren Projekte in dieser Richtung, da der Markt dazu fehlt.


Marco Staub ist sich sicher, dass einem Grossteil der Konsumenten nicht bewusst ist, dass nahezu alle männlichen Schweine in der Schweiz kastriert werden. «Die zunehmende Sensibilisierung der Bevölkerung gegenüber Nahrungsmitteln kann alternative Produktionsformen erfordern», ist sich Staub sicher.


Schlachtkörper mit leichten Geruchsabweichungen lassen sich verwerten


Die HAFL entwickelte in einer Studie verschiedene Produkte aus geruchsauffälligen Schlachtkörpern. In einem zweiten Teil klärten sie deren Marktfähigkeit in Konsumententests ab.


Die Versuche zeigten, dass durch verschiedene Verarbeitungsschritte intensiver Ebergeruch weniger und schwacher Ebergeruch nicht mehr wahrgenommen wird. Je nach Verarbeitungsprodukt muss dabei eine Reduktion der Wertschöpfung in Kauf genommen werden.


Die Studie dauerte von 2012 bis 2016. Sie wurde in Zusammenarbeit mit Branchenpartnern, dem Ausbildungszentrum für die Schweizer Fleischwirtschaft Spiez und dem Bundesamt für Landwirtschaft durchgeführt.


Forschungsprojekte wie diese spielen zurzeit eine untergeordnete Rolle. Sicher solange, bis in der Schweiz eine Nachfrage für Eberfleisch entsteht oder der Druck, nicht mehr zu kastrieren, steigt.

Bericht im November-Heft 2018 der Fachzeitschrift für die Schweizer Landwirtschaft

Text: Martina Rüegger
Bild: ZVG

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