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2019 wird das Jahr der Young Farmers

Editorial von Chefredaktor Jürg Vollmer, Januar-Heft 2018

· Young Farmers
Editorial von Chefredaktor Jürg Vollmer im Januar-Heft 2019, «die grüne»

Editorial von Chefredaktor Jürg Vollmer im Januar-Heft 2019

Alt-Bundesrat Johann Schneider-Ammann wollte die Schweizer Landwirtschaft im Schlaf marginalisieren. Dass ihm das in acht Jahren nicht gelang, ist nicht dem bräsigen Wirtschaftsminister zu verdanken. Und schon gar nicht seinem neoliberalen Generalsekretär und «Schattenminister» Stefan Brupbacher. Es waren die Schweizer Bauern, die sich mit Händen und Füssen gegen deren Ideen wehrten.

Für die Schweizer Landwirtschaft hält sich der Verlust also in engen Grenzen, wenn Schneider-Ammann endlich Grossvater und Brupbacher gut bezahlter Verbands-Direktor der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (Swissmem) wird.

Neu führt Guy Parmelin das Eidgenössische Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF). Er ist damit der elfte Landwirtschafts-Minister seit 1960. Lesen Sie dazu unseren Überblick der Landwirtschafts-Politik der letzten Jahrzehnte (mit Infografik): «Meilensteine der Schweizer Landwirtschaft».

Da es nach Schneider-Ammann und Brupbacher kaum schlechter werden kann, besteht die berechtigte Hoffnung, dass Guy Parmelin das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) konstruktiver führt. Ein Entwurf für die Agrarpolitik AP22022+ ist im Moment in der Vernehmlassung. Die Zentralisierung von Agroscope ist abgeblasen, der neue Departements-Chef muss die Reorganisation neu aufgleisen. Der ehemalige Landwirt und Weinbauer Parmelin kann diese Prozesse möglicherweise etwas entspannen. Parmelin wird dies mit einem neuen BLW-Direktor tun müssen oder können: Bernard Lehmann wird nämlich im Juli 2019 pensioniert. Es wird interessant sein, wer der neue BLW-Direktor wird, dessen Einfluss oft unterschätzt wird. Immerhin ist das Bundesamt für Landwirtschaft für ein Agrar-Budget von jährlich 3,6 Mrd Franken verantwortlich.

2019 wird das Jahr der Young Farmers

Themenwechsel. Das heisst, eigentlich geht es auch hier um die Zukunft der Schweizer Landwirtschaft. Agroscope ermittelte 2015, dass auf den damals 53'000 Schweizer Höfen 55 Prozent der Betriebsleiter über 50 Jahre alt waren. Von diesen hatten erschreckende 57 Prozent keinen Nachfolger oder die Nachfolge war noch ungeklärt. Folglich suchen in den nächsten 15 Jahren 17'000 Betriebe einen Nachfolger, 1100 Betriebe pro Jahr.
Umgekehrt schliessen jedes Jahr 1000 junge Berufsleute ihre Ausbildung zum Landwirt/in EFZ ab. Dazu kommen jährlich 120 Lehrabschlüsse zum Agrarpraktiker, 300 Absolventen der Nebenerwerbskurse sowie Hochschul-Absolventen und Bäuerinnen mit Fachausweis.
Es sind also Berufsleute da, die Betriebe übernehmen können. Aber wie? Am einen Ort kann oder will der Alt-Bauer nicht abgeben, am anderen Ort fehlen dem Nachfolger ein paar Millionen Franken. «die grüne»-Redaktorin Dominique Eva Rast hat bei ihren Recherchen festgestellt: Es gibt fast so viele Hinderungsgründe für eine Hofübernahme, wie es Betriebe gibt. Die hoch qualifizierten und motivierten Young Farmers haben es nicht leicht. Es ist schon ein Glücksfall, wenn sie früh (also nicht erst mit 50 Jahren) und reibungslos einen Betrieb übernehmen können.
Lesen Sie dazu unsere tiefgründige Reportage: «Junger Mann auf altem Hof». «die grüne» startet damit die Langzeit-Serie «Young Farmers».

Wir haben dazu ein Logo gestaltet, das die Welt der jungen Landwirte spiegelt: Den Vogel der Online-Kommunikationsplattform Twitter auf einer Wetterfahne. Um es mit Züri West zu sagen: «Lue zersch, wohär dass dr Wind wääit ...»

2019 wird das Jahr der einheimischen Nutztier-Rassen

Vor 100 Jahren hatte jede Schweizer Region ihre eigenen Rinder-, Schweine-, Ziegen- und Schaf-Rassen. Seither hat sich vieles verändert: Industrialisierung, Bevölkerungswachstum und ausländische Konkurrenz machten Druck auf die Schweizer Landwirtschaft. Die einheimischen Nutztier-Rassen rentierten nicht mehr. Sie wurden durch Verdrängungs-Kreuzungen weggezüchtet oder gleich ganz fallengelassen.

Von 35 Rinder-Rassen sind fünf einheimische übrig geblieben und von 20 Schweine-Rassen nur zwei einheimische. Bei den Ziegen überlebten von 39 Rassen immerhin 13 einheimische.

Ein trauriges Bild bietet sich auch bei den Schafen: Von 40 Schaf-Rassen blieben nur sieben einheimische Robust-Rassen übrig. Und auch die nur in kleiner Zahl. Wo man hinschaut, grast das Weisse Alpenschaf, in welches Merinoland- und Ile-de-France-Schafe eingekreuzt werden.

Währenddessen entdecken die Konsumenten Lammfleisch als gesundes Produkt und als Alternative zum Schweinefleisch. Schweizer Lamm ist begehrt. Trotzdem werden 62 Prozent vom konsumierten Lammfleisch importiert. Bei den Edelstücken sind es sogar unanständige annähernd 100 Prozent. Unanständig deshalb, weil die Schweizer Schafhalter mehr produzieren könnten. Der Detailhandel importiert stattdessen jährlich 6000 Tonnen Lammfleisch aus Neuseeland und Australien, weil die Verarbeitung am anderen Ende der Welt billiger und die Marge damit höher ist, als beim einheimischen Lammfleisch.

Dummerweise liegen die weichen «Währungen» Moral und Solidarität den Detailhändlern weniger nahe als der harte Franken. Die Schweizer Schafhalter müssen also ihre Produktionskosten senken, um ins Geschäft zu kommen. Zum Beispiel durch «Gebrauchs-Kreuzungen» einheimischer Robust-Rassen mit Fleisch-Rassen. Voraussetzung dafür ist der Erhalt einer Reinzucht, welche die Stärken der einheimischen Robust-Rassen weiter betont.

Bei ihren Recherchen ist «die grüne»-Redaktorin Martina Rüegger auf Christian Gazzarin von Agroscope gestossen. Der Agronom geniesst als Schafexperte weit über die Landesgrenzen hinaus grosses Renommee. Und er forscht nicht im Elfenbeinturm, sondern sagt klar und deutlich: Schafhaltung muss für den Landwirt rentabel sein. Lesen Sie unsere spannende Reportage: «Neue Zukunft mit alten Schaf-Rassen».

Die «neuen» alten Schaf-Rassen schaffen eine Win-Win-Situation: Die robusten Tiere pflegen die Landschaft, geben dem Schafhalter ein gutes Einkommen und dem Konsumenten gesundes Fleisch sowie ein gutes Gewissen. Was will man mehr?

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