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Brennpunkt Boden: Schneller verbaut als kartiert

Die Schweiz ist bei der Erfassung von Bodeninformationen international im Rückstand

· Agrarpolitik
Boden ist die wichtigste und knappste Ressource der Schweiz. Kartiert ist davon nur wenig. Das Parlament hat den Bundesrat bereits im Jahr 2015 beauftragt, ein Kompetenzzentrum Boden einzurichten. Die Umsetzung geht schleppend voran.

Boden ist die wichtigste und knappste Ressource der Schweiz. Kartiert ist davon nur wenig. Das Parlament hat den Bundesrat bereits im Jahr 2015 beauftragt, ein Kompetenzzentrum Boden einzurichten. Die Umsetzung geht schleppend voran.

Der raren Ressource Boden trägt die Schweiz (zu) wenig Sorge: Während in anderen Ländern in den letzten Jahren umfangreiche Plattformen mit Bodeninformationen aufgebaut wurden, herrscht hierzulande Stillstand. Im Gegensatz zu den Nachbarländern Deutschland oder Österreich gibt es in der Schweiz keine landesweite Bodenkartierung.

Dabei ist der Kampf um Fläche riesig. Die grössten Nutzungskonflikte gibt es im Mittelland: Dort befinden sich nicht nur die fruchtbarsten Böden, sondern es herrscht auch der grösste Siedlungsdruck. Für Siedlungs- und Industrieentfaltung, Infrastrukturanlagen und Erholungsräume braucht es Fläche. Auch für Biodiversität, zum Schutz vor Hochwasser und anderen Naturgefahren ist Boden nötig – und zur Produktion von Lebensmitteln sowieso.


Qualitativ guter, also fruchtbarer, Boden ist besonders rar und schutzwürdig. Doch: Wo sich diese Böden befinden, weiss niemand ganz genau.

Dabei wurde 1925 die erste Bodentypenkarte der Schweiz entworfen, wenige Jahre später bereinigt und 1934 im Massstab 1: 2 500 000 publiziert.

Ende der 1950er-Jahre entstand an der Forschungsanstalt für Pflanzenbau (FAP, später FAL, heute Agroscope) ein Bodenkartierungsdienst. Doch 1996 wurde dieser Dienst eingestellt.

Danach sollten die Kantone diese Aufgabe übernehmen. Die Kantone taten dies mehr schlecht als recht. Bis heute haben nur die Kantone Zürich, Zug und Basel-Land die landwirtschaftlich genutzten Flächen vollständig kartiert. In anderen Kantonen liegt der Anteil teilweise bei Null.

Ob Bodendaten, welche vor 1980 erfasst wurden, den heutigen Ansprüchen überhaupt genügen, ist fraglich. Betrachtet man nur die Flächen, welche nach 1980 mit dem neueren Standard kartiert wurden, kommt man lediglich auf 10 bis 15 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche. 

Der Bundesrat schläft, der Auftrag des Parlaments liegt seit dem Jahr 2015 auf Eis

Die Schweiz rühmt sich gerne für ihre Vorbildfunktion in Sachen Agrarpolitik. Umso mehr erstaunt es, dass sie noch keine nationale Bodenfachstelle hat.

Denn das Parlament hat dem Bundesrat vor drei Jahren den Auftrag erteilt, ein Kompetenzzentrum Boden aufzubauen – gegen seinen Willen. Bundesrätin Doris Leuthard verwies in der parlamentarischen Diskussion mehrmals auf die angeblich vorhandenen Daten.

Doch diese Daten reichen bei weitem nicht. Das nationale Bodeninformationssystem nabodat enthält in digitaler Form nur die lückenhaften Daten von früher. 

Bei der nationalen Bodenbeobachtung Nabo handelt es sich um ein 
Monitoringsystem, das auf einem Referenz-Messnetz von hundert Standorten besteht. Die Messpunkte sind über die ganze Schweiz verteilt. Damit lassen sich zwar Entwicklungstendenzen feststellen. Als Ersatz für eine Kartierung taugt Nabo nicht.

Die Arealstatistik des Bundesamtes für Statistik erfasst nur Bauzonen, Nicht-Bauzonen, Waldflächen usw., aber keine Bodenqualität. Und beim Sachplan Fruchtfolgeflächen FFF zeigt sich dasselbe Dilemma wie bei der Kartierung: Die Daten sind mangelhaft. Die Kantone wenden oft nicht einmal dieselbe Erhebungsmethode an.

Laut einer Modellrechnung der Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL kann man davon ausgehen, dass in naher Zukunft schweizweit mehr als 3600 Hektar Fruchtfolgeflächen eingezont und überbaut werden. Und bei dieser Zahl handelt es sich um eine vorsichtige Schätzung. Es könnte sogar noch schlimmer kommen. Es besteht kein Zweifel: Bund und Kantone haben beim Kulturlandschutz versagt.
 

Der Schweizer Bauernverband macht Dampf für das Kompetenzzentrum Boden

Begründet wird das mangelhafte Engagement mit fehlendem Geld. Das Kompetenzzentrum wird voraussichtlich zwei bis drei Millionen Franken im Jahr kosten. Angesichts des prognostizierten Überschusses im Bundeshaushalt von 1,3 Milliarden Franken im nächsten Jahr erscheint das lächerlich.

Aber vielleicht ist das auch gar nicht der Hauptgrund: Solange die wahre Qualität der Böden nicht bekannt ist, können weiterhin Bagger auch auf sehr guten, tiefgründigen, fruchtbaren Böden auffahren.

Diesem Treiben will man beim Schweizer Bauernverband nicht mehr zusehen. Im Juni dieses Jahres versandte der SBV ein Positionspapier an die involvierten Ämter mit konkreten Vorschlägen. Fabienne Thomas, die Leiterin des Ressorts Energie & Umwelt beim SBV, erklärt: «Wir stellen uns einen Kostenteiler zwischen den Bundesämtern für Umwelt, Landwirtschaft und Raumplanung vor.»

Das Kompetenzzentrum selbst soll in Bern bei der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften HAFL angesiedelt werden. «Gleichzeitig müsste ein guter Datenaustausch mit Agroscope sichergestellt werden.» Ein Aufsichtsrat soll die Arbeiten überwachen und die strategische Ausrichtung festlegen. «Damit der Austausch zwischen den Akteuren – insbesondere mit der landwirtschaftlichen Praxis – sichergestellt wird, sollen landwirtschaftliche Gremien wie der SBV in diesem Aufsichtsrat vertreten sein.»

Das Kompetenzzentrum Boden wird wohl dem Bundesamt für Umwelt unterstellt

Weil das Thema Boden beim Bundesamt für Umwelt BAFU verankert ist, soll das Kompetenzzentrum aller Voraussicht nach dem BAFU unterstellt werden. Das Positionspapier fiel dort offenbar auf fruchtbaren Boden.

BAFU-Mediensprecherin Rebekka Reichlin schreibt auf Anfrage: «Wir begrüssen die Unterstützung des Bauernverbandes für das Kompetenzzentrum Boden; die Landwirtschaft ist ein wichtiger Stakeholder, daher sind die formulierten Wünsche an das Kompetenzzentrum sehr willkommen.»

Laut Reichlin ist die Finanzierung der sechs bis zehn Vollzeitstellen, der Sachmittel und der Infrastruktur des Kompetenzzentrums über die «bodennahen» Bundesämter ARE, BLW und BAFU für eine zweijährige Aufbauphase inzwischen sichergestellt. 

Reichlin schreibt: «Wir streben eine gemeinsame Lösung an, damit die Mittel auch ab 2021 bereitgestellt werden könnten.» Sie stellt den Beginn der Aufbauarbeiten für nächstes Jahr in Aussicht. Das ist reichlich spät im Hinblick auf den Sachplan Fruchtfolgeflächen. Für diesen soll das Kompetenzzentrum die notwendigen Grundlagen und Daten erarbeiten.

Dass die Fruchtfolgeflächen Schutz brauchen, ist weitgehend unbestritten. Einzig der Wirtschaftsverband Economiesuisse setzt sich öffentlich dagegen zur Wehr. Er findet, dass der Bodenschutz die wirtschaftliche Entwicklung zu sehr einschränkt.


Eine umfassende Erhebung von Bodeninformationen hält Economiesuisse für (zu) aufwändig und teuer. Er befürchtet zudem ein Einzonungs-Moratorium, bis die definitiven Bodendaten vorliegen. Damit ist er nicht allein. «Auch viele Kantone haben Angst vor Fakten», sagt Beat Röösli, der Leiter des SBV-Geschäftsbereiches Internationales und Agrarwirtschaft. «Das nimmt ihnen die Flexibilität.» 

Wirklich flexibel werden die Kantone erst, wenn man weiss, welche Flächen aus dem Sachplan entlassen und welche unbedingt hinzugefügt werden. «Die Expertengruppe zum Sachplan FFF ist sich einig, dass die Einrichtung eines Kompetenzzentrums Boden an zweitoberster Stelle steht», so Röösli.

Das Kompetenzzentrum kommt gleich nach der Sicherung der Ernährungssicherheit. Diese steht an erster Stelle. Die Vernehmlassung für den überarbeiteten Sachplan FFF ist für Herbst 2018 geplant. Im Herbst 2019 will der Bundesrat den Sachplan FFF verabschieden.

Man darf gespannt sein, ob dann wieder etwas Ähnliches herauskommt wie bei der Gesamtschau zur Agrarpolitik. Diese war von den Vorstellungen von Economiesuisse geprägt. Dann könnte es noch länger dauern, bis die besten Böden der Schweiz geschützt werden.
 

Bericht im Oktober-Heft 2018 der Fachzeitschrift für die Schweizer Landwirtschaft

Text: Eveline Dudda 

Bild: BauernZeitung

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