Return to site

EFSA-Direktor Bernhard Url über Gesundheitsrisiken in Lebensmitteln

Interview mit dem Direktor der European Food Safety Authority (EFSA)

· Agrarpolitik
Bernhard Url, Direktor der European Food Safety Authority (EFSA).

Der Österreicher Bernhard Url ist der Boss der europäischen Lebensmittelaufsicht (EFSA) und für die Sicherheit unserer Nahrung zuständig. Der oberste Kontrolleur von Fleisch, Obst und Gemüse über Gift und Chemie im Essen, sinkende Nährstoffe, den Sinn von Bio, das Streitthema Glyphosat und die grösste Gefahr durch Lebensmittel: Übergewicht.

Wann hatten Sie zuletzt Bedenken, ein Nahrungsmittel zu konsumieren?

Bernhard Url: In Bezug auf die Sicherheit von Lebensmitteln mache ich mir in Ländern wie Österreich und der Schweiz keine Sorgen. Ich sage das nicht, weil ich es sagen muss, ich mache mir wirklich keine Sorgen. Ich konsumiere wenig Fleisch, aber nicht wegen der Sicherheit, sondern wegen des Tierwohls und des Fussabdrucks in Bezug auf das Klima.
Die öffentliche Wahrnehmung scheint aber zu sein: Nahrung wird immer schlechter, ist degeneriert, nährstoffarm und voller schädlicher Zusatzstoffe.
Die Fakten zeigen, dass lebensmittelbedingte Erkrankungen drastisch abnehmen, auch durch Interventionen in der Lebensmittelkette. Die Hygiene ist besser geworden, das steht zweifelsfrei fest. Jetzt würden Kritiker sagen: Ja, aber die mangelnden Inhaltsstoffe! Es gibt aber keine Evidenz, dass die Inhaltsstoffe abgenommen hätten, dass Lebensmittel weniger wert oder nährstoffärmer wären.
Es heisst oft, dass Obst oder Gemüse heute weniger Vitamine oder andere Nährstoffe enthalten.
Unser Problem in der sogenannten zivilisierten Welt ist nicht die Armut an Nährstoffen, sondern das Gegenteil. Wir nehmen zu viele Nährstoffe, also Energie, zu uns. Wir haben ein riesiges Problem mit einer Überaufnahme an Energie, und zwar sowohl was Kohlenhydrate betrifft als auch Fette und teils Proteine.
Und was ist mit all den chemischen Zusätzen in moderner Nahrung?
Es stimmt, dass Lebensmittel heute einen höheren Verarbeitungsgrad aufweisen. Das ist eine Folge unserer veränderten Lebensgewohnheiten. Wir kochen nicht mehr selbst und greifen zu Convenience Food. Diese Produkte sind natürlich prozessiert, haben manchmal einen höheren Salzgehalt und mehr Zusatzstoffe.
Wie problematisch sind diese Substanzen?
Die Zusatzstoffe sind geprüft. Sie durchlaufen in Europa einen Zulassungs-Zyklus, sind also sicher. Trotzdem sagen die Leute, Zusatzstoffe mögen sie nicht. Dem könnte man entgegnen: Wenn Sie das nicht wollen, gibt es auch biologische Lebensmittel, das Angebot ist gross.
Hätten Sie selbst Bedenken, Lebensmittel mit einer langen Liste an E-Nummern und Zusatzstoffen zu konsumieren?
Nein. Weil sie geprüft sind, weil sie sicher sind und weil sie technologische Wirkungen entfalten, die man allerdings diskutieren kann.
 

Zum Beispiel welche?

Müssen Verdickungsmittel oder all die Geschmacksverstärker sein? Man kann auch Makronährstoffe wie Zucker hinterfragen. Ist der hohe Zuckergehalt wirklich nötig, ob in Softdrinks oder auch in manchen Milchprodukten?
Woher kommt dann die Annahme, dass das Essen immer schlechter wird?
Ein Aspekt könnte die Globalisierung der Handelsströme sein. Man weiß nicht mehr, wo die Rohstoffe herkommen und wie sie verarbeitet werden.
Es geht um Kontrollverlust?
Genau. Wir können nicht mehr zum Bauern nebenan gehen und nachsehen, wie er die Kühe hält und das Gemüse zieht. Es ist aber auch eine Frage des Konsumverhaltens: Müssen wir zu jeder Jahreszeit alle Obst-und Gemüsesorten haben? Wenn ja, können sie nicht alle im eigenen Land produziert werden. Es gibt einen Konflikt zwischen der Bequemlichkeit, immer alles haben zu wollen, und dem unguten Gefühl, dass wir nicht mehr wissen, wo die Produkte herkommen.
Die zudem von grossen Konzernen produziert werden und nicht von kleinen Landwirten.
Ich glaube, dass die Industrie allgemein ein Imageproblem hat. Sie hat sich aber auch durch Schwindeleien ein Vertrauensproblem aufgebürdet.
Waren Lebensmittel in der guten alten Zeit kleinbäuerlichen Landbaus besser?

Wir haben die besten Lebensmittel aller Zeiten. Das gilt sogar global, obwohl immer noch 800 Millionen Menschen zu wenig zu essen haben, was ein Skandal ist. Trotzdem hat die Zahl der hungernden Menschen relativ zur Weltbevölkerung abgenommen. Insgesamt haben wir im Bereich der Lebensmittelversorgung, der Vielfalt und Sicherheit so viel erreicht, dass wir heute ein ganz anderes Problem haben: Übergewicht und Abfall. Es ist eine ethische Katastrophe, dass wir 30 Prozent der Lebensmittel wegwerfen. Da muss man sich wirklich fragen, ob unser Problem irgendein Lebensmittelzusatzstoff ist.

Wir reden von einem Luxusproblem?
Es ist ein Problem des Überflusses. Wir haben den Kalorienbedarf gedeckt, und jetzt können wir wählerischer sein und fragen, wie produziert wird, wo Lebensmittel herkommen und wie der Einsatz von Agrarchemikalien oder Gentechnik aussieht.
Viele Leute schwören heute darauf, Gemüse im eigenen Garten zu ziehen. Ist das besser und sicherer?
Wir neigen dazu, Dingen zu vertrauen, die überschaubar, wenig komplex, regional nahe und naturnah sind. Sicherheit im Sinne der Abwesenheit unakzeptabler Risiken hängt davon ab, wie Lebensmittel produziert werden. Globale Produktionsketten können sehr sicher sein, wenn sie gut überwacht werden. Genauso kann kleinstrukturierte Produktion sehr risikoreich sein, wenn hygienische Grundprinzipien nicht eingehalten werden. Die Gleichung: Klein ist sicher, Gross ist riskant gilt nicht. Ich finde es aber klug, Gemüse im Garten oder am Balkon zu ziehen, weil es den CO2-Fussabdruck verringert.
Was ist die grösste Bedrohung, die heute von Nahrungsmitteln ausgehen kann?

Überernährung und Fehlernährung. Das sind die grössten Risiken, die wir derzeit mit Nahrungsmitteln haben. Auf einer anderen Ebene ist die zunehmende Antibiotika-Resistenz weltweit ein riesiges Problem.

Lange hiess es, man könne hier keinen Einfluss der Landwirtschaft nachweisen. Gibt es neue Erkenntnisse?
Es gibt einen Zusammenhang zwischen der Menge der eingesetzten Antibiotika in der Tierhaltung und der Resistenzentwicklung. Man sieht auch, dass nordische Länder viel geringere Resistenzraten haben, weil sie das Problem seit langer Zeit ursächlich bekämpfen, während Länder in Südeuropa, die sehr viele Antibiotika einsetzen, höhere Resistenzen haben. Tiermedizin, Human-und Umweltmedizin müssen zusammenspielen. Die Umwelt spielt eine wichtige Rolle als Reservoir für Resistenzgene. Bisher ist die Umwelt ein wenig vernachlässigt worden. Welweit sind auch Mykotoxine ein Problem. Kaum in unseren Breiten, aber in Entwicklungsländern.
Was genau ist das?
Das sind Pilzgifte, die sehr toxisch sein können. Es sind Stoffwechselprodukte von Pilzen, die sich auf Erdnüssen, Getreide, Mais oder Kaffee bilden können. Wir haben das auch in Österreich in nassen, feuchten Jahren. Nicht vergessen dürfen wir lebensmittelbedingte Infektionen. Salmonella, Campylobacter und Listerien verursachen Millionen Erkrankungen pro Jahr in Europa.
Befördert die moderne Massenproduktion von Nahrungsmitteln das Problem?
In Gegenteil, vieles haben wir damit unterbunden. Brucellose und Tuberkulose beim Menschen wurden durch die Pasteurisierung der Milch praktisch ausgerottet. Wir haben in der Lebensmittelhygiene riesige Fortschritte gemacht. Aber es gibt immer noch viel zu viele lebensmittelbedingte Erkrankungen. Man schätzt für den WHO-Raum Europa, das sind 52 Staaten, pro Jahr 23 Millionen Erkrankte. Weltweit geht man man von 600 Millionen Erkrankten durch lebensmittelbedingte Infektionen aus. Das ist fast jeder zehnte Weltbürger.
Wenn wir ein Problem haben, dann durch klassische Stoffe und Erreger aus der Natur?
Bakterielle und virale Krankheitserreger sind trotz der Fortschritte in der Hygiene ein großes Problem. Sind deswegen andere Risiken in Lebensmitteln vergleichsweise unbedeutend? Sicher nicht, und es wird eine enormer Aufwand betrieben, chemische Substanzen vor ihrer Markteinführung umfassend zu prüfen. Es findet kein Match zwischen «natürlichen» und «chemischen» Gefahren statt. Das Ziel ist, für alle Gefahren, auch in ihrer Kombination und bei Aufnahme über lange Zeiträume, ein Höchstmass an Sicherheit zu garantieren.
Hat der Klimawandel Einfluss auf die Qualität von Lebensmitteln?
Das ist ein Riesenthema für die öffentliche Gesundheit, weil zum Beispiel Insektenarten, die wir in Europa früher nicht hatten, von Afrika einwandern und Krankheiten übertragen. Das gilt auch für invasive Pflanzen, die wir bisher nicht hatten. Die Mykotoxinproblematik ändert sich durch Schwerund Starkregen. Auf Pflanzen wachsen Pilze, die Mykotoxine produzieren. Der Klimawandel hat maßgebliche Auswirkungen, mit denen wir uns auch in der EFSA beschäftigen.
Wie können wir uns Ihren Job vorstellen?
Wir sind eine wissenschaftliche Institution mit 500 Leuten und liefern unabhängige aktuelle Risikobewertungen. Wir haben keine Laboratorien, prüfen keine Restaurants, Supermärkte oder Lebensmittelhersteller. Wir sammeln Informationen, die Forschungsinstitute oder Universitäten produzieren und bewerten diese Informationen im Hinblick auf Risiken. Die Europäische Kommission gibt uns einen Auftrag und sagt etwa: Wie schätzt ihr das Gesundheitsrisiko von Dioxin ein? Dann sammeln und bewerten wir alle Informationen weltweit über Dioxin, Studien, Bücher, Industriedaten. Aus dieser Meta-Analyse erarbeiten wir gesundheitsbezogene Empfehlungen. Das Ergebnis sind Berichte, die mehrere 100 Seiten haben können und in denen wir darlegen, welches Ausmass ein bestimmtes Risiko hat.
Und dann?
Auf dieser Basis treffen politisch legitimierte Personen Entscheidungen. Die Politik entscheidet aber auch vorab, welche Fragen überhaupt gestellt werden. Das definiert in gewisser Weise bereits die Möglichkeiten der Antwort.
Weil Geisteshaltungen und Wertvorstellungen mitschwingen?
Spannend wird es immer dann, wenn Fakten auf Werte treffen. Wir arbeiten evidenzbasiert und behaupten, unsere Arbeit ist wertfrei. Der wissenschaftliche Prozess versucht jedenfalls, Resultate so wertfrei wie möglich zu gestalten. Dann geht unser Ergebnis in die politische Arena, und plötzlich wird es schwierig. Glyphosat ist ein gutes Beispiel.
Im Zusammenhang mit dem Pflanzenschutzmittel Glyphosat musste sich die EFSA heftige Kritik und sogar den Vorwurf der Korruption gefallen lassen, weil die Einschätzung ganz anders ausfiel als jene der WHO. Ist Glyphosat nun schädlich oder nicht?
Wenn Glyphosat bestimmungsgemäss angewandt wird, braucht sich niemand davor fürchten. Die Frage hat sich an der krebserregenden Eigenschaft von Glyphosat gespiesst. Für uns ist diese Frage wissenschaftlich beantwortet. Alle wissenschaftlichen Organisationen und Risikobewertungsagenturen der Welt mit Ausnahme einer WHO-Behörde sagen, Glyphosat hat keine krebserregenden Eigenschaften.
Bei entsprechender Dosierung?
Grundsätzlich. Es geht nicht um Dosierung, es ist eine Eigenschaft der Substanz. Das heisst aber nicht, dass man Glyphosat unverantwortlich anwenden soll. In der Vergangenheit hat man Glyphosat zu grossszügig angewendet. Für mich ist die Frage nicht so sehr, ob Glyphosat kanzerogen ist oder nicht. Das ist es nicht, ich denke, das steht fest.
Was ist dann das Problem?
Glyphosat hat unabhängig von der Kanzerogenität Auswirkungen auf die Umwelt, auf die Artenvielfalt, auf aquatische Organismen, auf Erdorganismen. Es sollte in der Pestiziddiskussion nicht darum gehen, die Zahl der Substanzen möglichst zu reduzieren. Wenn man Substanzen wie Glyphosat bedenkenlos anwendet, bilden sich Resistenzen. Wenn man aber eine gewisse Zahl an Substanzen zur Verfügung hat, die man wechseln kann, kann man vernünftig Pflanzenschutz betreiben. Nachholbedarf gibt ist bei der systematischen Überwachung der Wirkungen der Pflanzenschutzmittel auf Umwelt und Menschen
Die Frage ist doch auch: Was tun, wenn wir auf Glyphosat verzichten?
Das ist eine Frage, auf die in der Diskussion um Glyphosat vorneweg vergessen wurde: eine Bewertung, ob wir Herbizide einsetzen wollen. Wenn man diese politisch-ökonomischen Punkte vorher geklärt hätte, hätte man auch andere Fragen an die Wissenschaft richten können wie zum Beispiel: Bewerten Sie verschiedene Optionen von Unkrautbekämpfung. Dann hätte die Politik andere Antworten bekommen: Wenn wir diese Methoden aus mechanischer und chemischer Unkrautbekämpfung einsetzen, hat dies jene Auswirkungen auf die Umwelt, auf Lebensmittelpreise, auf Ertrag. Das ist nie gemacht worden. Es ist ein Vakuum entstanden, und in diesem Vakuum ist die Krebsdiskussion hochgekocht.
Müsste man die Leuten nicht schlicht fragen: Wollen wir Pestizide, ja oder nein?
Das ist die Gretchenfrage. Und genau eine Frage, die EFSA als wissenschaftlicher Risikobewerter nicht beantworten kann, die aber implizit an uns gestellt wird, samt der Unterstellung: Ihr sagt, diese Substanz ist gut. Nein, wir sagen nicht, sie ist gut. Wir sagen nur, bis zu einem gewissen Grenzwert ist sie gesundheitlich unbedenklich. Aber ob man sie verwenden will oder nicht, ist eine gesellschaftliche Entscheidung. Dahinter steht die Frage: Wie soll Landwirtschaft in Europa aussehen? Intensiv, extensiv, bio, nicht bio?
Und wie sollte sie aussehen?
In Österreich hat man einen relativ guten Kompromiss gefunden für eine umweltgerechte Landwirtschaft. Wenn man es global sieht, werden wir 2050 zehn Milliarden Menschen ernähren müssen. Die Leute wollen essen. Und wenn es um pflanzliche Fasern geht, reden wir nicht nur über Lebensmittel, sondern auch über Futtermittel, Kleidung und Baumaterialien für zehn Milliarden Menschen. Also werden wir produzieren müssen. In unserer Luxussituation in Mitteleuropa könnten wir uns leisten, weniger zu produzieren und geringere Erträge bei weniger intensiver Landwirtschaft zu haben.
Global ist das aber kein Weg?

800 Millionen Menschen haben nicht genug zu essen jeden Tag. Auch in Österreich leben Menschen an oder unter der Armutsgrenze. Aber die Frage ist natürlich viel relevanter in Subsahara-Afrika und Asien.

Ist eine Landwirtschaft ohne Pestizide denkbar?
Es gibt biologische Landwirtschaft, wo zwar auch Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden, aber nicht so sehr chemisch synthetisierte, sondern zum Beispiel Kupfer. Aber zehn Milliarden Menschen werden wir nicht ernähren ohne eine intensivierte, nachhaltige, zirkuläre Landwirtschaft.

Ist bio überhaupt grundsätzlich besser?

In Bezug auf Sicherheit: Nein. Darauf fehlt jeder Hinweis. In Bezug auf Inhaltsstoffe, Vitamine, Nährstoffe gibt es unterschiedliche Studien, aber der Tenor ist ebenfalls nein. Bio ist nicht besser. Es gibt aber Unterschiede in Fragen der Tierhaltung, Pflanzenproduktion, Agrochemie und Tierarzneimittel. Wenn man hier eine positive Entwicklung unterstützen will, ist es gut, bio zu konsumieren.

Wäre grüne Gentechnik eine Methode, höhere Erträge bei weniger Chemieeinsatz zu erzielen?

Dazu gibt es sehr unterschiedliche Meinungen. Es wäre eine Möglichkeit, ist jedoch gesellschaftlich nicht akzeptiert. Auf die Diskussion möchte ich mich jetzt nicht einlassen, aber offenbar ist es bisher nicht gelungen, die Vorteile der Gentechnik so darzustellen, dass die Verbraucher sagen, das hat Sinn. Naheliegender als Gentechnik wäre, Ernteverluste und Lebensmittelverschwendung zu vermeiden. Auch könnten wir unsere Ernährungsgewohnheiten hinterfragen: Mehr von der Pflanze, weniger vom Tier, hätte viele positive Auswirkungen.

Ist eine emotionsfreie Debatte über Lebensmittel überhaupt möglich?
Das ist nicht möglich und vielleicht auch gar nicht wünschenswert, weil Lebensmittel so zentral sind, mit so viel Emotion behaftet und Teil unserer Kultur und unserer Identität sind, dass man nicht emotionsfrei diskutieren kann.
Was nützen dann evidenzbasierte Studien?
Die Wissenschaft muss sich diesen Emotionen stellen. Die Kunst und Herausforderung ist es, dass die Wissenschaft die gesellschaftliche Diskussion schon vorab, wenn die Fragen formuliert werden, so einbezieht, dass die Antworten von der Gesellschaft akzeptiert werden. Wenn wir dem Europäischen Parlament eine Stellungnahme liefern, sei es zu Glyphosat, Neonicotinoiden oder Afrikanischer Schweinepest, wäre mein Ziel, dass die Parlamentarier sagen: Okay, das ist Ihre Analyse, ich teile sie vielleicht politisch nicht, aber ich vertraue Ihrem Prozess und Ihrem Ergebnis.
So läuft es aber offenbar nicht.
Wenn wir mit einem Ergebnis kommen wie bei Glyphosat, sagen manche im Europäischen Parlament: Das kann nicht sein, die müssen etwas falsch gemacht haben, vielleicht sind sie sogar korrupt. Der Konflikt, den die Politik in sich hat, wird ausgelagert: Wenn sich das Ergebnis nicht mit Werten und Erwartungen deckt, muss die Wissenschaft falsch sein.
Je nach Ergebnis, oder? Für Ihre Glyphosat- Einschätzung wurden Sie geprügelt, als aber heuer Neonicotinoide als bienenschädlich aus dem Verkehr gezogen wurden, gab es Beifall.
Das ist Cherrypicking, Rosinenpickerei. Es ist politisch kurzsichtig zu sagen, jetzt zerstören wir die Reputation dieser Agentur, weil es gerade um Glyphosat geht. Aber morgen, wenn etwa Antibiotikaresistenzen Thema sind, brauchen wir sie wieder.
In Zukunft sollen die Rohdaten der Studien, mit denen Sie arbeiten, öffentlich zugänglich sein. Was ist da geplant?
Nach der Glyphosatdebatte hat es eine europäische Bürgerinitiative gegeben zur Verbannung von Glyphosat. Die Europäische Kommission hat dann vorgeschlagen, das Lebensmittelrecht anzupassen und der EFSA zu erlauben, die Rohdaten zu veröffentlichen. Ich finde das einen wichtigen Schritt. Nicht nur wird jeder sehen, welche Daten wir verwenden, auch die akademische Wissenschaft kann daraus selbst Schlussfolgerungen ziehen.
Sie wollen durch die Offenlegung der Daten signalisieren, dass jeder alles nachprüfen kann und es kein Gemauschel mit der Industrie gibt?
Genau, wir würden das gern schon heute machen. Es geht um Transparenz. Oft sagt man, warum veröffentlicht ihr nicht alle Daten, ihr macht Geheimwissenschaft. Ich kann das nicht mehr hören, wir machen keine Geheimwissenschaft, wir vollziehen europäische Gesetze.
Vermutlich wird trotzdem der Vorwurf kommen, dass nicht alles mit rechten Dingen zugeht.
Wenn wir die Daten veröffentlichen werden, wird man sagen, die Daten sind aber von der Industrie produziert worden, das ist ja alles getürkt. Da kommt man jetzt zu einem sehr grundsätzlichen Punkt. Soll die Industrie die Studien durchführen, wie das jetzt der Fall ist? Kritiker sagen, die Industrie soll in einen Fonds zahlen, und eine öffentliche Stelle führt die Studien durch.
Keine schlechte Idee, oder?
Das ist theoretisch denkbar, praktisch ist es extrem schwierig. Es geht um Tausende Studien, die in den Innovationsprozess der Industrie integriert sind. Im Moment gilt das Prinzip: The polluter pays. Derjenige, der ein Produkt auf den Markt bringen will, muss Studien herbeischaffen, die Unbedenklichkeit beweisen. Das war bisher unhinterfragt, aber seit Glyphosat sagt man, bei Pestiziden wollen wir das nicht mehr.
Ist nicht die Entscheidung, Neonicotinoide aus dem Verkehr zu ziehen, auch fragwürdig? Es heisst, dass seit dem Verbot die Landwirte auf uralte und viel giftigere Substanzen ausweichen, die nur deshalb zugelassen sind, weil sie nie so intensiv untersucht wurden.
Das würde ich jetzt nicht bestätigen. Substanzen, die am Markt sind, haben den Zulassungsprozess durchlaufen, und der muss alle zehn Jahre wiederholt werden. Das heisst, es kann nicht sein, dass eine Substanz 30 Jahre keinem Update unterzogen wurde.
Verboten wurden ja nicht die Neonicotinoide, sondern drei Substanzen dieser Klasse. Andere sind nach wie vor erlaubt. Kürzlich wurde eine Studie publiziert, die andere Stoffe dieser Klasse untersucht hat. Angeblich sind sie genauso giftig für Bienen, bloss waren sie bisher nicht so genau untersucht.
Das kann durchaus sein, wir werden uns das sicher ansehen.
Sobald man näher nachsieht, so scheint es, findet man Schadstoffe.
Durch Fortschritte in der Analytik sinken laufend die Nachweisgrenzen. Wir finden Substanzen, die wir früher gar nicht gefunden hätten, weil die Konzentrationen so gering sind. Wobei: Dass man etwas findet, heisst noch nicht, dass es toxisch ist. Wir finden einfach etwas in sehr niedrigen Konzentrationen. Der Erkenntnisstand steigt, die Anforderungen der Gesellschaft steigen, das Schutzniveau soll höher werden, die Nachweisgrenzen sollen sinken, und alles zusammen beeinflusst die Schwelle dessen, was man toleriert. Wir könnten uns darüber auch freuen, denn in Summe haben wir in Europa einen Standard erreicht, der weltweit einzigartig ist.
Wir fürchten uns vor Agrochemie auf unseren Feldern. Zugleich gibt es einen Trend zu sogenannten Superfoods wie Chiasamen oder Gojibeeren, die aber oft aus Ländern kommen, in denen wirklich große Mengen Glyphosat unkontrolliert eingesetzt werden. Ist es nicht skurril, dass diese Produkte so beliebt sind?
Zu Superfoods will ich mich nicht äussern, das ist nicht mein Gebiet. Aber Sie berühren einen sehr wichtigen Punkt. Durch den globalisierten Handel mit Gütern handeln wir natürlich auch globale Risiken. Wir importieren die Risiken der Exportländer. Insofern ist es wichtig, einen globalen Ansatz zur Lebensmittelsicherheit zu finden. Wenn wir aus 180 Ländern Lebensmittel importieren, wäre es vernünftig , die auf einen Standard zu bringen, sodass wir auch von dort sichere Lebensmittel importieren.
Sind wir überhaupt in der Lage, Risiken angemessen einzuschätzen? Vor Kurzem gab es große Aufregung um Glyphosat im Bier, obwohl Bier 40 Millionen Mal mehr Alkohol enthält als Glyphosat.
Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung hat errechnet, dass man 1100 Liter Bier pro Tag trinken müsste, um in die Region zu kommen, wo der Glyphosatgehalt bedenklich werden könnte. Auf der anderen Seite zeigt es, dass die Menschen dieses Zeug nicht in ihrem Körper haben wollen, was aus meiner Sicht auch berechtigt ist. Aber dann stehen wir wieder vor der Frage, dass man die Agrarpraxis ändern muss. Ich finde es ein wenig verlogen, zu sagen, wir wollen das nicht, aber wir führen nicht die Diskussion, was das zum Beispiel für die Lebensmittelpreise bedeutet.
Können Sie sagen, welche Untersuchungen oder Studien Sie derzeit planen?
Ein sehr wichtiger Punkt sind Cocktaileffekte, eine Mischung mehrerer Chemikalien. Die Bewertung dieser Mixturen ist wissenschaftlich sehr fordernd. Wir arbeiten seit mehr als zehn Jahren daran und werden wahrscheinlich nächstes Jahr die ersten beiden Berichte veröffentlichen. Ich glaube, das ist bahnbrechend. Es geht um die kombinierte Wirkung von Pflanzenschutzmitteln auf die Schilddrüse und das Nervensystem. Da werden 60 bis 80 Substanzen gemeinsam bewertet, die sich teilweise multiplikativ verhalten.
In dem Fall sollte man sich Sorgen über Chemie machen?
Ich würde noch nicht von Sorgen sprechen, aber vielleicht muss beim Risikomanagement etwas getan werden. Möglicherweise muss man manche Grenzwerte absenken. Wenn wir über diese Mixturen mehr arbeiten sollen, braucht es allerdings Geld.
Sie haben doch 80 Millionen pro Jahr.
Amerikanische Agenturen haben Budgets zwischen vier und neun Milliarden Dollar. Man hat in Europa ein sehr effizientes und eigentlich günstiges System geschaffen in den vergangenen 15 Jahren. Und da wir nicht von der Industrie finanziert werden und keine Gebühren einheben, ist es Geld des Steuerzahlers, das natürlich knapp ist. Aber ich glaube, mit 80 Millionen kann man das in Zukunft nicht vernünftig betreiben. Die EFSA hat auch einen Auftrag zur Risikokommunikation. Wir bemerken aber, dass der Effekt dieser Kommunikation nicht ausreichend ist, wie man bei Glyphosat gesehen hat. Die Leute sagen, euch vertraue ich doch nicht.
Von diesem Vertrauensverlust ist die ganze Wissenschaft betroffen.
Wir haben momentan den Fall einer schweren Pflanzenkrankheit in Italien, wegen der Olivenbäume gerodet werden müssen. Und das ist, weil die Bäume für die Leute einen so hohen kulturellen Wert haben, fast nicht möglich. Sie schneiden diese Bäume nicht um, sie ketten sich an, und da gibt es viele konspirative Theorien, die sagen, da ist ja gar kein Bakterium, das ist eine Erfindung eines Labors oder der Mafia. Wir gehen fast zurück ins Mittelalter. Fakten zählen nicht. Es zählen Emotion und Überzeugung. In der Brexit-Debatte hieß es: Dieses Land hat genug von Experten. Und das ist gut angekommen. Was können wir da als Wissenschafter tun?
Was können Sie denn tun?
Für die Wissenschaft ist das eine Riesenherausforderung. Aber gibt es eine Alternative zum wissenschaftlichen Ansatz, die Natur zu erklären? Ich glaube nicht. Die Wissenschaft als solche infrage zu stellen, halte ich für hochgradig unvernünftig , absurd und gefährlich.

Interview: Alwin Schönberger
Bild: Sebastian Reich

All Posts
×

Almost done…

We just sent you an email. Please click the link in the email to confirm your subscription!

OKSubscriptions powered by Strikingly