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Jung & Wild: Die Berg-Kartoffel zeigt Stärke

Landwirt Marcel Heinrich baut im Berggebiet 80 Kartoffel-Sorten an.

· Pflanzenbau
Berg-Kartoffeln: Kartoffeln werden vor allem im Flachland angebaut. Dabei zeigen sie im Berggebiet ihre Stärke als geschmackvolle Knolle. Das beweisen in Graubünden ein Versuchsfeld mit 80 Kartoffel-Sorten und Landwirt Marcel Heinrich.

Jung & Wild | Kartoffeln werden vor allem im Flachland angebaut. Dabei zeigen sie im Berggebiet ihre Stärke als geschmackvolle Knolle. Das beweisen in Graubünden ein Versuchsfeld mit 80 Kartoffel-Sorten und Landwirt Marcel Heinrich.

Sind Kartoffeln auch in den Schweizer Berg-Regionen kultivierbar? Wo stecken die Vor- und Nachteile? Welchen Herausforderungen begegnen Landwirte, welche die Knolle in der Höhe anbauen? Unsere Recherche zeigt: Gerade in den Bergen zeigt die Kartoffel ihre Stärke.

Zum Beispiel im Alpengarten Maran auf 1862 m ü. M. oberhalb von Arosa GR. Der Garten zählt zu den nationalen Gen-Banken der Schweiz. Über 80 Kartoffelsorten werden hier zu Versuchszwecken und zur Erhaltung der Vielfalt angebaut.

Bei unseren Recherchen im Juli ist die Kartoffelblüte bereits vorbei. Die Vielfalt der Sorten und deren Namen ist trotzdem beeindruckend:

«Lady Rose» (wegen einer verflossenen Liebe)
«Guarda» (das gleichnamige Unterengadiner Dorf ist Schauplatz des Kinderbuches «Schellenursli»)
«Acht-Wochen-Nüdeli» (wegen ihrer frühen Reife)
«Fleckler» (wegen seiner Farbe)

Die Kartoffel hatte einen beschwerlichen Weg auf unsere Teller. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts in die Schweiz eingeführt, wurde sie vom Adel ihrer bunten Blüten wegen als «schöne Zierpflanze» in den Gärten gezogen.

Erst während der Hungersnot 1816 wurde die Kartoffel in den Bergen gegessen

Als Speise sei die Kartoffel «ungeniessbar», schrieb damals ein enttäuschter Bergler. Vielleicht hätte er die Knollen des Nachtschattengewächses doch kochen sollen:


Roh verzehrt oder zu wenig gekocht, verursachte das Solanin in den Kartoffeln einen «kratzigen Hals» oder «Bauchkrämpfe und Übelkeit».

Erst während der grossen Schweizer Hungersnot von 1816 lernte man die «schöne Zierpflanze» schätzen. Damals schneite es auch in tiefen Lagen bis in den Juni, es war der kälteste Sommer seit 500 Jahren. Vor allem im Berggebiet brachen die Getreide-Erträge ein. Der Leidensdruck war so gross, dass man die Kartoffeln kochte und sich zu essen traute. So schaffte sie es von den Gärten der Fürstenhöfe auf den Teller der einfachen Leute.

Im Kanton Graubünden wurden seit dieser Hungersnot auch in hoch gelegenen Bergdörfern Kartoffeln angebaut. Und dies mit gutem Erfolg. Die Kartoffeln fanden Eingang in die traditionelle Küche und sind heute ein wesentlicher Bestandteil von Bündner Gerichten wie Maluns (Kartoffel-/Mehl-/Butter-Ribel) oder Pizzoccheri (mit Kartoffeln servierte Buchweizen-Teigwaren).

Trotzdem ist die Vielfalt an Kartoffeln auf den Äckern zurückgegangen. Die Organisation Pro Specie Rara will der abnehmenden Vielfalt entgegenwirken und setzt sich für den Erhalt alter und heute seltener Sorten ein. Allerdings sei es schwierig, qualitativ hochwertiges Saatgut heranzuziehen. Das Saatgut sei sehr anfällig für Krankheiten, insbesondere Viren.

Ein Landwirt, der sich mit voller Hingabe mit den Kartoffeln beschäftigt, ist Marcel Heinrich aus Filisur im Albulatal GR. Sein Betrieb heisst «La sorts», was nichts mit den Kartoffelsorten zu tun hat, sondern Rätoromanisch für «das Schicksal» steht.

In Filisur GR auf 1000 m ü. M. baut Marcel Heinrich 45 alte Kartoffelsorten an

Marcel Heinrich hat sein Schicksal in die eigenen Hände genommen. Auf 1000 m ü. M. ackert er sich im wahrsten Sinne des Wortes ab: Dieses Jahr gedeihen auf seinen Äckern 45 verschiedene alte Kartoffelsorten, die auch im Sortengarten in Maran zu finden sind. Auf den sandigen, humosen Böden gefällt es den Kartoffeln, die in guten Jahren ansehnliche Erträge abwerfen.

Viele Feldarbeiten werden von Hand durchgeführt, denn die Kartoffel-Knollen sind vor allem während der Ernte sehr heikel. Und die Ackerflächen im engen Albulatal sind klein oder von der Lage her schlecht befahrbar. Auch die Unkraut-Regulierung wird von Hand durchgeführt, um den Befall von Kraut- und Knollenfäule im Griff zu haben und Schäden frühzeitig zu erkennen. Die Familie bewirtschaftet den Betrieb nach den Richtlinien von Bio Suisse.

Im eigenen Hofladen präsentieren sich die geernteten Kartoffeln in allen Formen und Farben: Von Rot über Blau und Violett bis zu Weiss und Gelb. Wobei die Schale und das Fleisch einer Kartoffel-Sorte verschiedenfarbig sein können. Auch in Grösse und Geschmack unterscheiden sich die Kartoffel-Sorten deutlich.

Kartoffeln können nach Nüssen schmecken, nach Maroni – oder zitronig

Der Koch und «Genuss-Trainer» Freddy Christandl beschreibt die Sorten teils als nussig, teils als Maroni-ähnlich schmeckend. Auch die Geschmacksrichtung Citrus fehlt in den Nuancen nicht.

«Am besten kocht man die verschiedenen Kartoffel-Sorten als Gschwellti und degustiert sie nebeneinander», rät die Bäuerin Sabina Heinrich Pschaler. Der Ausflug in die Sensorik der Kartoffeln führt weiter zum Absatz dieser «Kartoffel-Raritäten». Freddy Christandl arbeitet mit der Familie Heinrich zusammen und übernimmt einen Teil der Vermarktung der Kartoffeln. Diese werden an die Spitzen-Gastronomie oder an Delikatessen-Läden weiterverkauft. Die Kartoffeln aus dem Albulatal sind vielerorts in der Deutschschweiz erhältlich, von St.Gallen über Zürich bis nach Bern.

Ein innovatives Konzept zur «direkten Lieferung» vom Hof zum Konsumenten ist dem Start-up «Polyport» zu verdanken, das die Lieferung von Produkten logistisch einfach und klimaneutral bewerkstelligt. «Polyport» ist eine Plattform für Kunden und Pendler. Letztere bringen die Kartoffeln aus dem Albulatal als «Kartoffel-Taxi» zum Konsumenten im Unterland. Eine sehr schnelle und schlanke Art der Lebensmittel-Logistik.

Zurück zur Familie Heinrich. Seit dem Jahr 2004 bauen sie Kartoffeln an. Begonnen habe es «mit einer Handvoll Saatgut» von Pro Specie Rara. Heute sind es über 45 Sorten. Die Nachfrage ist gross, doch gibt es noch wenige Landwirte, die Kartoffeln in dieser Vielfalt anbauen.

Man muss ein Kartoffel-Bauer mit Leib und Seele sein, um Berg-Kartoffeln anzubauen

Mit ihrer aufwändigen Arbeit während der Anbauphase leistet die Familie Heinrich einen grossen Beitrag zur Erhaltung und Vermehrung alter Sorten.

Umgekehrt profitieren die Heinrichs davon, dass auf 1000 Meter über Meer der Krankheitsdruck geringer ist. Weniger Blattläuse übertragen auch weniger Viren-Krankheiten. Deshalb wurde auch der Sortengarten in Maran auf 1862 m ü. M. angelegt, um Kartoffelsorten zu erhalten oder zu züchten.


Ein «Kartoffelbauer mit Leib und Seele» muss man sein, um mit solchem Herzblut auf einer nicht geringen Höhe Kartoffeln anbauen zu wollen. Davon ist Marcel Heinrich mit seiner langen Erfahrung überzeugt.

Doch die Geschichte, wie auch die Gegenwart lehrt, dass es möglich ist, im Berggebiet unter klimatisch günstigen Bedingungen, einen guten Ertrag mit Kartoffeln zu erzielen und gleichzeitig auch einen Beitrag an die Erhaltung alter Sorten zu leisten.

Viele alte Sorten sind bereits lange im Berggebiet kultiviert – aber wegen ihres geringen Ertrages wieder vergessen worden. Das Beispiel der Familie Heinrich zeigt jedoch, dass Altes das Potenzial für Neues hat.

Bericht im September-Heft 2018 der Fachzeitschrift für die Schweizer Landwirtschaft

Text: Laila Grillo

Bild: Jürg Vollmer & Jens Schwarz
 

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