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Antibiotika-Resistenz im Visier

Um die Wirksamkeit von Antibiotika langfristig zu gewährleisten, hält neu eine Datenbank den Verbrauch in der Tiermedizin fest.

· Tierhaltung
Die Antibiotika-Resistenz ist auch in der Schweizer Nutztierhaltung ein Problem.

Die Antibiotika-Resistenz ist auch in der Schweizer Nutztierhaltung ein Problem. Um die Wirksamkeit von Antibiotika langfristig zu gewährleisten, hält neu eine Datenbank den Verbrauch in der Tiermedizin fest. Für die Landwirte könnte das Kosten verursachen.

Sie sind in der Schweiz nicht zu übersehen: Seit November 2018 hängen an jeder Ecke Plakate mit einem Frosch, einem Fisch, einem Hund, einem Maulwurf, einem Schaf und einem Ehepaar. Daneben der griffige Slogan «Antibiotika: Nutze sie richtig, es ist wichtig.»

Der Slogan gehört zur neuen Sensibilisierungs-Kampagne des Bundes über Antibiotika. Diese Kampagne wird mit Plakaten und TV-Spots, Online-Werbung und einer eigenen Website geführt (siehe Link am Ende dieses Textes).

Die gross angelegte Kampagne soll die Schweizer Bevölkerung für den richtigen und sorgfältigen Gebrauch von Antibiotika sensibilisieren. Dafür investiert der Bund über vier Jahre rund 10 Mio Franken.

Wegen zu viel und nicht sachgemäss eingesetzten Antibiotika werden immer mehr Bakterien antibiotikaresistent. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV warnt: Die Konsequenzen seien dramatisch und betreffen Mensch und Tier, aber auch die Landwirtschaft und die Umwelt (siehe Grafik).
 

Die Situation ist in der Schweiz besser als in den Nachbarländern, aber schlechter als Skandinavien

Der Swiss Antibiotic Resistance Report 2018 zeigt, dass die Schweiz im Verhältnis zur Bevölkerungszahl weniger von Infektionen durch resistente Bakterien betroffen ist als Frankreich, Italien oder England. Wir sind aber stärker betroffen als die Niederlande oder Skandinavien (Link zum StAR-Faktenblatt am Ende des Textes).

In der Tiermedizin wurde die Menge der verkauften Antibiotika in der Schweiz dank verschiedenen Massnahmen in den letzten zehn Jahren um die Hälfte reduziert. Doch bei der Erfassung von Antibiotika-Verschreibungen hinkt die Schweiz anderen europäischen Ländern hinterher. In Dänemark besteht zum Beispiel seit 1995 eine solche Datenbank. In der Schweiz wurde bis Ende 2018 nur erhoben, wie viel Antibiotika die Firmen an die Tierärzte verkaufen.

Erfassung der Antibiotika-Verschreibungen in der Tiermedizin schon ab 2019

Ab 2019 wird in der neuen Datenbank «Informationssystem Antibiotika in der Veterinärmedizin (IS ABV)» der Antibiotika-Verbrauch erfasst. Und zwar bei den verschiedenen Tierarten und verschiedenen Produktions-Typen, bei den einzelnen Tierhaltern und den einzelnen Tierarzt-Praxen. Bei Hinweisen auf einen übermässigen oder unsachgemässen Antibiotika-Einsatz können laut dem BLV gezielte Abklärungen zu möglichen Ursachen eingeleitet und Massnahmen ergriffen werden. Zudem kann beurteilt werden, ob zusätzliche Massnahmen notwendig sind. Das Ziel ist, die Wirksamkeit von Antibiotika langfristig zu gewährleisten.

Die Gesellschaft Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte (GST) begrüsst die geplante Antibiotika-Datenbank für die Veterinärmedizin. Seit Anfang 2019 müssen die Tierärzte sämtliche orale Gruppen-Therapien elektronisch und nicht mehr auf dem Papierformular erfassen. Gemäss der Tierärztin Patrizia Andina von der GST ist dies eine Arbeitserleichterung für die Veterinäre. «Schwieriger könnte es ab Oktober 2019 werden», sagt Andina. Dann müssen nebst der Gruppen-Behandlungen auch sämtliche Antibiotika-Verschreibungen der Einzeltier-Behandlungen erfasst werden.


Die GST befürchtet hohe Zusatz-Aufwände bei der Daten-Erfassung. Andina schätzt in der Anfangsphase den Zusatzaufwand auf 3 Minuten pro Antibiotika-Verschreibung oder für jeden Tierarzt eine halbe Stunde pro Tag. «Dieser Zusatzaufwand muss finanziell abgefedert werden», betont Andina. Mit anderen Worten: Der Zusatzaufwand soll an die Landwirte verrechnet werden.
 

Tierärzte befürchten Mehraufwand und damit Mehrkosten – welchen die Bauern bezahlen müssen

Das Verrückte an der ganzen Sache ist, dass es in der Human-Medizin keine solche Antibiotika-Datenbank gibt. Gemäss unseren Recherchen melden 27 Schweizer Spitäler und über 60 Prozent der Schweizer Apotheken die abgegebenen Antibiotika-Mengen freiwillig. Aber es gibt keine gesetzliche Verpflichtung dazu. Und dies, obwohl in der Human-Medizin mehr Antibiotika eingesetzt werden als in der Veterinär-Medizin. Hier hat offenbar die Lobby der Human-Medizin ihren Einfluss in der Politik spielen lassen. Die Begeisterung der Tierärzte über diese Ungleichbehandlung hält sich in Grenzen. Die Gesellschaft Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte unterstützt aber den Ansatz des Bundes, die Antibiotika-Resistenzen zu bekämpfen. Die GST fordert allerdings eine analoge Datenbank in der Human-Medizin, die den Antibiotika-Einsatz beim Menschen erfasst.

Schweizer Bauern minimierten den Antibiotika-Einsatz mit gezielten Massnahmen

Mehrere landwirtschaftliche Organisationen haben zusammen mit Tierärzten und Landwirten eigene Projekte zur Verbesserung der Tiergesundheit gestartet. Mit gezielten Massnahmen soll der Antibiotika-Einsatz weiter minimiert werden. Und zwar durch:

  • Förderung der Tiergesundheit
  • Gezielte Zucht
  • Einsatz von Komplementärmedizin


So sind die Schweizer Milchproduzenten SMP die Hauptförderer von Kometian (Link am Ende dieses Textes). Der Verein Kometian unterstützt durch Beratung die Gesunderhaltung der Nutztiere und fördert dabei den Einsatz der Komplementär-Medizin.


Auch der Bund sieht bei Kometian Potenzial zur Reduktion des Antibiotika-Einsatzes in der Schweizer Nutztierproduktion. Er unterstützt daher Kometian in einem Ressourcenprojekt.
Ein weiteres Beispiel ist das Gesundheitsprogramm «SuisSano» der Suisag. Das Programm dient zur Optimierung des Antibiotika-Verbrauchs in der Schweizer Schweinehaltung.

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