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Der Aktiv-Stall wird Pferd und Mensch gerecht

Ein Praxis-Beispiel einer durchdachten und wirtschaftlichen Haltungsform

· Tierhaltung

Gruppenhaltung von Pferden ist artgerecht. Klug durchdacht rechnet sich diese Haltungsform auch wirtschaftlich. Die Familie Bieri betreibt seit fünf Jahren mit viel Herzblut einen Aktiv-Stall in Mühledorf BE.

Klack»: Hinter dem Freiberger schliesst sich die Klappe. Nun fällt Heu in die Raufe, das Pferd steht ruhig und frisst. Dann dreht es sich um, «klack», die Klappe öffnet sich wieder. Das Pferd verlässt den Fress-Stand, wandert gemächlich davon. In Mühledorf, auf dem Aktivstall der Familie Bieri, läuft vieles automatisch. Die Pferde tragen Halsbänder mit einem Chip. Darauf ist gespeichert, wie viel Heu- und Raufutter es jeden Tag gibt.

«Klick» hat es bei Bieris gemacht, als sie vor sechs Jahren zum ersten Mal einen Aktivstall gesehen haben: «Das wollen wir auch», erzählt Stephan Bieri in der Wohnküche des Bauernhauses. Seine Frau Regina ergänzt: «Wir standen auf diesem Hof und wussten: Diese Haltungsform passt zu uns.» Besichtigt haben die beiden weit über 20 Pferdeställe. Bei der Familie Rupp in Fahrni bei Steffisburg BE fanden sie mit dem Aktiv-Stall endlich, was sie suchten.

Ihre eigene Anlage ist bis ins letzte Detail durchdacht: Die Pferde leben 24 Stunden am Tag in der Gruppe. Sie bewegen sich auf einem 220 Meter langen Rundweg mit verschiedenem Untergrund (Beton, Verbundmaterial, Rundkies, Mörtel, Split). Die Pferde haben Zugang zu einer kühlen Halle mit Flachs-Stroh-Einstreu und sind täglich zwei bis drei Stunden auf der Weide. Das Wasser am Brunnen kommt aus der eigenen Quelle. Rau- und Kraftfutter ist computergesteuert. Im Moment stellen Bieris gerade vom Heustock auf Rundballen um. Das Heu wird entfeuchtet und belüftet.

Rundballen sind für Stephan Bieri einfacher zu verarbeiten. Denn der durchdachte, zu weiten Teilen mit Maschinen zu bearbeitende Hof hat seine Gründe. Stephan Bieri hatte zwei schwere Arbeitsunfälle. Der gelernte Schreiner hat sich dabei eine Hand und einen Arm so stark verletzt, dass er nicht mehr melken konnte. Den Milchviehbetrieb des Vaters musste er aufgeben. Nicht nur aus gesundheitlichen Gründen. Wegen den neuen Tierschutzgesetzen grössere Anpassungen nötig gewesen wären.


Die Familie Bieri hat sich bewusst für die Haltung von Pferden im Aktiv-Stall entschieden

2013 standen er und seine Frau vor der Frage, wie es weitergehen solle. Ganz weg von der Landwirtschaft? Hin zu einer Nische? Regina Bieri lacht, wenn sie erzählt, was sie alles durchdacht haben: Kaninchen, Schnecken, eine Ausbildung zum Fahrlehrer. Aber so richtig Freude hätten sie an keiner dieser Ideen gehabt. Immer wieder seien sie bei der Pensionspferdehaltung gelandet, die auch schon Stephan Bieris verstorbener Vater gepflegt habe.

Die Entscheidung für den Aktiv-Stall bereuen die beiden nicht. Obwohl sie sich damit nicht nur Freunde gemacht haben. «Die Ängste im Dorf vor mehr Pferdemist auf den Strassen war gross. Und viele fanden, wir seien völlige Spinner», erzählt Stephan Bieri. Er wird ernst: «Die negativen Reaktionen haben geschmerzt.» Mittlerweile habe sich die Situation beruhigt. Einer, der ihm ganz direkt gesagt habe, «das sei der grösste Chabis», habe sich später entschuldigt.

Hinter ihrem Aktiv-Stall stehen die beiden, darin steckt ihr Herzblut. Ihre Pensionärinnen suchen sie sorgfältig aus. Obwohl – suchen müssen Bierisnicht. Die 16 Besitzerinnen der 22 Pferde, die bei Bieris leben, wechseln kaum. Ausser, die Besitzerinnen ziehen weg oder das Pferd stirbt. Wer neu kommt, muss sich den Hof ansehen.

Der Aktiv-Stall verfügt zwar über einen Reitplatz mit Quarzsand und Stoffschnipsel. Um ins Reitgebiet zu gelangen, müssen die Reiterinnen aber eine Hauptstrasse überqueren. Nur schon deshalb findet es Regina Bieri wichtig, dass Interessentinnen vorbeikommen.

Sie und ihr Mann merken schnell, ob jemand auf den Hof passt. Stephan Bieri spricht von einem «Geben und Nehmen». Den Pensionspreis von 675 Franken (plus Mehrwertsteuer) pro Monat hält er für angemessen: «Ich will die Frauen nicht ausnehmen. Wir können gut leben und mir ist es wichtig, dass wir es untereinander gut haben.»

 

Eine klare Organisation auf dem Hof und regelmässige Sitzungen führen zu einer guten Stimmung

Regina Bieri erwähnt die regelmässigen Stall-Sitzungen. Dort werde besprochen, was anliege: «Wenn wir es im Sommer streng haben, helfen alle beim Misten mit.» Ohne gross Worte darüber zu verlieren, würden die Pensionärinnen einspringen – etwa, damit Bieris mal eine Woche in die Ferien können.

Auf dem Hof gibt es einen Putzplatz, Halterungen für Hufschuhe oder Decken. Obwohl Letztere nicht mehr gebraucht werden. «Die Pferde sind es mittlerweile gewöhnt und überstehen den Winter ohne Decken», sagt Regina Bieri.

Stephan Bieri lobt seine Pensionärinnen: «Es ist stets tipptop aufgeräumt.» Eine grosse Hilfe ist Stephans Mutter, die bei der Stallarbeit hilft. Dazu kommen Jugendliche aus dem Dorf. Regina Bieri arbeitet im Moment noch 50 Prozent auswärts, reduziert aber nun ihr Pensum.

Die Investitionen in den Bau des Aktiv-Stalls rechnen sich für die Betreiber in Mühledorf

Finanziell geht die Rechnung der Familie Bieri auf: Die Investitionen sind genau berechnet, mit dem Pensionspreis und den zusätzlichen Einnahmen stimmt es für die Familie.

Die Pensionärinnen wissen die Gruppenhaltung zu schätzen. Die Pferde seien zufrieden und gesund. Den Tierarzt haben Bieris selten auf dem Hof. Sämtliche Pferde sind Barhufer, auf dem 220 Meter langen Weg des Aktiv-Stalls nutzen sich die Hufe regelmässig ab.


In der Schweiz ist Gruppenhaltung von Pferden seit einigen Jahren auf dem Vormarsch

Die Haltung in Mühledorf entspricht dem, was Ruedi von Niederhäusern von Agroscope Avenches beobachtet: «Eine neue Studie zur Pferdehaltung in der Schweiz zeigt, dass die Gruppenhaltung stark auf dem Vormarsch ist. Die Pferdebesitzerinnen wünschen sich immer mehr eine möglichst artgerechte Haltung.»

Die Studie zeigt, dass aktuell 17 Prozent der erfassten Tiere in unstrukturierten Gruppenhaltungen und 29 Prozent in Mehrraumgruppenhaltungen leben.

In Bezug auf die Einzelhaltung haben Einzelauslaufboxen deutlich zugenommen (siehe Grafik). Gruppenhaltung ist günstiger, wenn sie arbeitstechnisch gut geplant ist. «Nicht zu unterschätzen ist aber das Herdenmanagement», sagt von Niederhäusern. Dazu gehört die Integration neuer Pensionspferde oder die Futteraufnahme.


In den Boxen stehen nur Pferde, die neu, krank oder zu Besuch im Aktiv-Stall sind

Bei Bieris in Mühledorf gibt es einige wenige Boxen: Für Ferienpferde, falls mal ein Pferd krank ist oder neu integriert wird. Preislich liegt ihr Angebot etwa im Mittelfeld dessen, was die Agroscope-Studie ermittelt hat.

Diese kommt auf eine Preisspanne von 300.– bis 900.– Franken für die Gruppenhaltungsplätze. Das entspricht auch in etwa den Empfehlungen von Agriexpert.

Sowohl Agriexpert wie Ruedi von Niederhäusern weisen auf Angebot und Nachfrage hin, welche die Preise bestimmen. Dazu kommt der Standort-Faktor: Agglomerationsnahe Betriebe mit guten ÖV-Anschlüssen seien stark im Vorteil.

«Preisempfehlungen kann man nicht aus dem Ärmel schütteln», sagt von Niederhäusern. Pensionspreises hängen vom jeweiligen Investitionsniveau ab, von der Betreuungsintensität, der Region sowie den vom Betrieb angebotenen Zusatzleistungen.
 

Bericht im August-Heft 2018 der Fachzeitschrift für die Schweizer Landwirtschaft

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