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Moderne Wanderschäfer

Wanderschäfer Ernst Vogel wandert von Dezember bis März mit seinen Schafen durch das Luzerner Mittelland. Diesen Winter hat er unfallbedingt zwei «Ersatz-Schäfer» angestellt. Die Wanderherde ist mehr als Nostalgie – sie ist auch wirtschaftlich interessant.


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Kurz & bündig

  • Die Wanderschäfer zäunen die 1000 Schafe über Nacht ein und übernachten Zuhause.
  • Die Schafe überweiden während der Wanderzeit rund 13'000 ha.
  • Die Wanderschäfer legen bis zu 20 km pro Tag zurück.
  • Wanderschäfer Ernst Vogel setzt auf Kreuzungen zwischen Robustrassen und Fleischrassen.
  • Die Schaf-Patenschaften und Erlebnistage sind ein gutes Zusatzeinkommen.
  • Die Erlebnis-Tage werden rege genutzt, vor allem von Leuten mit Büro-Jobs.

 

Der Nebel hängt knapp über den Bäumen. Reifbedecktes Gras knirscht unter den Füssen. Die Schafe grasen friedlich, nur einige Lämmer toben am Rand der Herde umher. Zwischendurch verschluckt der Nebel die knapp 1000 Schafe und es sind nur noch einzelne verschwommene Silhouetten sichtbar.

«Heute sind die Schafe ruhig, so haben wir weniger zu tun» sagt Adrian Müller. Er ist Wanderschäfer-Neuling. Zusammen mit Rolf Thalmann wandert er mit der grossen Herde durch das Luzerner Mittelland. Thalmann ist schon länger im Business. Er hat die grosse Herde schon im Sommer gehirtet, auf der Unteralp ob Andermatt. «Ich kenne die 600 Mutterschafe mittlerweile per Ohrmarken-Nummer», sagt Thalmann und lacht.

Die beiden Wanderschäfer ergänzen sich hervorragend. Sie werden von zwei trainierten Treibhunden begleitet. Auf Kommando rennen diese Hunde beispielsweise auf und ab und markieren damit eine Begrenzung zu einer Strasse oder einem Acker, den die Schafe nicht betreten dürfen.

Zeit zum Diskutieren haben die beiden Wanderschäfer aber höchstens an Tagen wie diesen, wenn die Schafe ruhig sind. Normalerweise teilen sie sich auf: Der eine Schäfer auf der einen Seite der Herde, der andere auf der anderen Seite. So haben sie die Schafe im Blick und am besten unter Kontrolle.

Auf der Alp in Andermatt riss der Wolf acht Schafe

Die beiden sind angestellt bei Ernst Vogel, dem Besitzer der Schafe. Normalerweise ist Vogel selber mit den Schafen unterwegs – aber er fällt dieses Jahr wegen eines Unfalls aus. Vogel erklärt: «Beim Entladen von zwei gerissenen Schafen rutschte ich auf der Rampe des Trailers aus, stürzte und verletze mich an der Schulter.» Gerissene Schafe – im Luzerner Mittelland? «Das war im Sommer auf der Alp in Andermatt», sagt Vogel und ergänzt: «Acht Schafe wurden damals gerissen.»

Die Wanderschäfer legen bis zu 20 km pro Tag zurück

Ernst Vogel ist 53 Jahre alt und seit 17 Jahren leidenschaftlicher Wanderschäfer. Davon gibt es in der Schweiz nicht mehr viele. Vogel schätzt die Zahl auf 15 bis 20 Wanderherden. Die Wanderschäfer sind weder in einem Verband noch in einer IG vernetzt. Nur über den Schafzuchtverband oder regionale Labels, wie im Fall von Vogel über «Zentralschweizer Lamm».

Für die Wanderschäfer gilt das Wanderrecht. Dazu stellt Vogel jeweils einen Antrag beim Kantonalen Veterinäramt. Dieses bestimmt, in welchen Gebieten Vogel mit seinen Schafen unterwegs sein darf.

Die Route bleibt immer dieselbe: Schwarzenberg-Kriens-Littau-Malters-Emmenbrücke-Hellbühl-Neuenkirch. Dann geht es wieder zurück. Pro Tag legen die Wanderschäfer bis zu 20 km zurück, was aber mit dem häufigen Hin- und Herlaufen zu tun hat. Die Luftlinie entspricht täglich etwa zwei bis drei Kilometer.

«Damit die Tageszunahmen stimmen, fressen die Lämmer pro Tag während acht Stunden», sagt Vogel. Dazwischen gäbe es eine Fresspause von zwei bis drei Stunden. Während der Wandersaison von etwa Mitte Dezember bis Mitte März fressen die Schafe Gras von 13'000 ha ab.

Robust-Rassen eignen sich für das Wandern und die Alp

Schafe müssen eingestallt werden, wenn die Geburt und die ersten zwei Lebenswochen des Lammes in die Winterperiode (1. Dezember bis 28. Februar) fallen. Das kommt bei Ernst Vogels Schafen aber höchstens bei zugekauften Auen vor. Die eine Hälfte von Ernst Vogels 600 Auen lammern von 20. Märzbis Anfang Juni, die andere Hälfte von Mitte Oktober bis Mitte Dezember.

Vogel ist überzeugt von Gebrauchskreuzungen. Die meisten seiner Auen sind Engadiner Bergschafe oder Schwarzbraune Schafe. «Diese Robust-Rassen überzeugen mich, weil sie sehr fruchtbar sind», sagt Vogel. Und sie seien deutlich geeigneter für das Wandern und für die Alpung. Die Böcke sind Fleischrassen wie zum Beispiel Charollais oder Ile de France.

Die Lämmer vermarktet Vogel in die Labels «Weidelamm», «Alplamm» und «Zentralschweizer Lamm». Letzteres beliefert die Gastronomie.

Schaf-Patenschaften und Erlebnistage

Ernst Vogel erzählt viel und redet gerne: Das erstaunt! Einen Wanderschäfer stellt man sich als Eigenbrötler vor, da er oft mutterseelenallein unterwegs ist. «Das stimmt nur teilweise», sagt Vogel, «je nach Wetter und Region kommen immer wieder Leute vorbei, an den Wochenenden sowieso.»

Vogel schätzt den Austausch und klärt gerne auf. Mit den Worten: «Kommen Sie mit!» fordert Vogel interessierte Menschen dazu auf, ihn einen Tag zu begleiten. Für eine Einzelperson kostet das 200 Franken, für Familien 350 Franken. Im Gegenzug erhält man Einblick in die tägliche Arbeit, darf mit dem Hütehund arbeiten und isst am offenen Feuer zu Mittag.

Im Winter 18/19 hatte Vogel total während 40 Tagen Leute dabei, die sich einen solchen Erlebnistag gönnten. «Häufig sind die Leute aus urbaner Umgebung und verbringen ihren Arbeitsalltag in Büro-Jobs beispielsweise als Banker oder Rechtsanwalt».

Daneben bietet Vogel auch zwei-jährige Auen-Patenschaften an. Mit 120 Franken ist ein Pate dabei. Man darf eines der weiblichen Lämmer auslesen, ihm einen Namen geben und erhält ab und zu Foto-Updates. Nach zwei Jahren, wenn diese Aue gelammt hat, kann man die Patenschaft mit einem deren Lämmer fortführen.

Neben dem Haupterlös aus dem Fleisch der Lämmer sind die Erlebnistage und die Schaf-Patenschaften für Vogel ein einfach zu erwirtschaftendes Zusatzeinkommen. So geht die Rechnung für den Wanderschäfer auf.

Die Wanderschäfer übernachten im eigenen Bett

«Auf Wunsch dürfen die Gäste auch übernachten», sagt Vogel. Normalerweise übernachtet Vogel aber Zuhause auf seinem Betrieb in Schwarzenberg, und auch seine beiden angestellten Wanderhirten gehen nach Hause.

«Draussen zu übernachten ist auf Dauer belastend», weiss der Schäfer. «Die Kleider trocknen kaum und wenn man sie etwa in einen Bauwagen nimmt, wird es dort drin feucht.» Die Keime und Schimmel würden florieren und innert kürzester Zeit auf die Gesundheit schlagen.

Schafe mit Krankheiten, die man regelmässig behandeln muss, nimmt Ernst Vogel mit auf seinen Betrieb. Das sei ein weiterer Vorteil, wenn man täglich nach Hause fährt. Im Moment habe er etwa 40 Schafe zu Hause. Das sind auch Auen mit zu kleinen Lämmern für die Wanderherde sowie die Böcke.

«Ein einzelnes Schaf einzufangen ist jedoch nicht so einfach», sagt Ernst Vogel. Abends, wenn es dunkel wird, zäunen die Schäfer sämtliche Schafe mit vier Flexnetzen à 50 Meter ein. Erst dann können sie einzelne Tiere kontrollieren, Klauen ausschneiden und allenfalls kranke Schafe heraus und nach Hause nehmen.

Gefrorener Dreck in der Klaue verursacht Lahmheiten

Vor allem die Klauen sind immer wieder ein Thema. «Wenn es nass ist und anschliessend kalt wird, gefriert der Dreck zwischen der Klaue», sagt Vogel, «und der fällt erst wieder heraus, wenn es entweder warm wird oder die Schafe einige Zeit auf einer Teerstrasse gehen.» Der gefrorene Dreck zwischen den Klauen könne Lahmheiten verursachen, die aber schnell wieder verheilen.

Deshalb mögen die Wanderschäfer am liebsten kaltes Wetter– wie an diesem Nachmittag. Der Nebel hat deutlich zugenommen und nur noch eine Handvoll Schafe sind zu sehen. Die Wanderschäfer Adrian Müller und Rolf Thalmann warten noch bis zum Einbruch der Nacht und zäunen dann die 1000 Schafe ein. Dann geht es nach Hause in die warme Stube – wie es moderne Wanderschäfer eben machen.

Betriebsspiegel «Gengg 2»

Luzia und Ernst Vogel mit Angela (26) und Sonja (25), Schwarzenberg LU

LN: 37 ha Grünland; Pacht-Alp: 800 ha

Bewirtschaftung: ÖLN

Tierbestand: 600 Auen, Jungtiere

Betriebszweige: Wanderherde im Winter, Alp im Sommer

Arbeitskräfte: Ernst Vogel; auf der Alp zwei Hirten

www.wanderschafe.ch

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