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Interview mit Markus Ritter: Der Präsident des Schweizer Bauernverbandes SBV im Kreuzverhör

Markus Ritter ist als Präsident des Schweizer Bauernverbandes SBV in der Schusslinie der Umweltorganisationen. Und jetzt nimmt ihn auch noch «die grüne»-Chefredaktor Jürg Vollmer ins Kreuzverhör. Ein Interview über die Agrarpolitik AP22+ und die Zukunft der Landwirtschaft.


Der 54jährige Bio-Landwirt Markus Ritter ist seit 2012 Präsident des Schweizer Bauernverbandes SBV. «die grüne»-Chefredaktor Jürg Vollmer Hat Markus Ritter ins Kreuzverhör genommen. Es ist mit 8 Seiten im Mai-Heft 2021 wohl das ausführlichste und kritischste Interview, das der SBV-Präsident in zehn Jahren führen musste. Und Markus Ritter spart seinerseits nicht mit massiver Kritik. Unter anderem am Bundesrat, an den Initianten der Agrar-Initiativen und an den Umweltverbänden hinter der «Agrarlobby stoppen»-Kampagne.

Markus Ritter, in der Frühjahrs-Session 2021 des Nationalrates und des Ständerates sind über 30 Geschäfte zur Landwirtschaft traktandiert (das Interview wurde während der Session geführt). Wieso ist das Interesse der Politik an der Schweizer Landwirtschaft plötzlich so gross?

Markus Ritter: Das hat zwei Gründe: Auf der einen Seite stehen schon lange geplante Geschäfte wie die Agrarpolitik AP22+ und der Zahlungsrahmen in Diskussion. Auf der anderen Seite gibt es viele Vorstösse, die sich mit aktuellen Themen befassen.

Nicht nur die bäuerlichen Parlamentarier haben ihre Anliegen, sondern die ganze Gesellschaft interessiert sich heute für die Lebensmittel-Sicherheit und Umwelt-Themen – und damit für die Landwirtschaft. All das führt zu Vorstössen im Parlament.

Der Schweizer Bauernverband hat erfolgreich die Sistierung der AP22+ gefordert. Und jetzt steht alles still. Wieso haben Sie das gemacht?

Es war die Kommission für Wirtschaft und Abgaben des Ständerates (WAK-SR), die im August 2020 vom Bundesrat einen Postulats-Bericht zu den zentralen Themen verlangte und damit auch die Sistierung beschloss. Der Ständerat ist diesen Anträgen gefolgt. Die Landwirtschaftskammer des Schweizer Bauernverbandes (Laka) hat sich dann im September 2020 ebenfalls diesem Entscheid angeschlossen.

Die Agrarpolitik AP22+ ist damit erledigt. Die politischen Mühlen müssen noch einmal von vorne anfangen zu mahlen. Und die mahlen sehr langsam. Was ist das realistische Ziel, eine AP25+?

Die Bundesverwaltung und der Bundesrat haben jetzt ein Jahr Zeit, diesen Bericht zu erstellen. Ergänzt mit der Antwort auf ein Postulat aus dem Nationalrat, bei dem es um Food waste und Direktvermarktung geht. Dann kann der Bundesrat die Agrarpolitik von sich aus anpassen oder das Parlament diskutiert die bestehende Botschaft. Der zeitliche Ablauf ist im Moment offen. Und auch der Fahrplan, wann eine nächste Agrarpolitik in Kraft treten könnte.

Und was passiert in der Zwischenzeit? Die Schweizer Landwirtschaft kann ja nicht einfach stillstehen?

Nein. Das tut sie auch nicht. Wenn das Parlament keine Gesetzesänderungen beschliesst, dann gilt jeweils bestehendes Recht – und das ist ja noch nicht sehr alt. Die Agrarpolitik 2014-17 ist erst am 1. Januar 2014 in Kraft getreten. Also können wir noch sehr gut einige Jahre damit leben.

Jetzt mal ehrlich, Markus Ritter, der wahre Grund für die Sistierung der AP22+ ist die geforderte Senkung der Düngergrossvieh-Einheiten pro Hektare.

Nein, das hätten wir problemlos im Gesetzgebungs-Prozess korrigieren können. Auf die Palme gebracht hat uns der Bericht zur Botschaft mit den aufgezeigten Konsequenzen:

  • Das landwirtschaftliche Einkommen wäre mit der AP22+ um 265 Mio Franken gesunken.
  • Der Selbstversorgungsgrad würde von niedrigen 58 Prozent auf noch tiefere 52 Prozent zurückfallen.
  • Die gleichen Betriebe, die mit der AP2014–17 am meisten Direktzahlungen verloren haben – Grünland-Betriebe, Hügelzone und Bergzone 1 – würden wieder am meisten Direktzahlungen verlieren.
  • Wir Landwirte sollten für diese Nachteile auch noch einen wesentlich höheren administrativen Aufwand leisten.

Auf dieser Basis kann man einfach keine politische Diskussion führen.

Die Umweltziele für die Landwirtschaft beurteilen Bauernverband und Bundesrat unterschiedlich

Der Bundesrat kritisiert die Schweizer Landwirtschaft, dass diese die Umweltziele von 2016 nicht erreicht habe. Das Bundesamt für Umwelt BAFU hat darin vier Hauptziele und 39 Unterziele definiert. Wenn der Bundesrat Recht hat, dann haben sie ziemlich versagt?

Der Bundesrat hat nicht Recht. Das Problem ist, dass der Bundesrat einen Bericht von 2016 zitiert, der auf Grundlagen aus dem Jahr 2013 basiert. Und Tatsache ist, dass die Schweizer Landwirtschaft von diesen 39 Unterzielen schon sehr viel erreicht hat:

  • 7 Unterziele: Vollumfänglich erreicht, vor allem im Bereich der Biodiversität.
  • 23 Unterziele: Zielerreichungs-Grad 60 bis 80 Prozent.
  • 9 Unterziele: Keine Aussage möglich, weil es dazu keine Zahlengrundlagen gibt.

Unsere Zahlen zur Analyse der Umweltziele Landwirtschaft sind aus den Jahren 2018 und 2019, die Schweizer Landwirtschaft hat also ihre Hausaufgaben in weiten Teilen gemacht. Der Bundesrat arbeitet dagegen mit veralteten Zahlen von 2013.

Also hat der Bundesrat in dem Fall seine Hausaufgaben in Sachen Landwirtschaft nicht gemacht?

Der Bundesrat ist vor allem nicht aktuell. Man könnte jetzt das Gefühl haben, es habe einen politischen Zweck, dass der Bundesrat mit den alten Zahlen arbeitet.

Ich weiss nicht, ob das der Bundesrat selber realisiert hat. Aber die ganze AP22+ basiert auf veralteten Zahlen-Grundlagen und ist darum auch in der Analyse in vielen Teilen falsch. Das führt natürlich auch zu falschen Massnahmen und zu Instrumenten, die nicht passen. Darum ist wichtig, dass der Bundesrat mit der Sistierung der AP22+ die Zeit nutzt, um diese Zahlen und die Botschaft anzupassen.

Wieso beharrt der Bauernverband nicht darauf, dass solche Ziele auch für den öffentlichen Verkehr gelten, für den Privatverkehr, für Energie und Zivilluftfahrt?

Die Landwirtschaft ist tatsächlich die einzige Branche in der Schweiz, die überhaupt Umweltziele hat. Das finden wir schon nicht sehr korrekt. Trotzdem wollen wir einen Beitrag für die Erreichung der Umweltziele leisten, weil uns die Umwelt wichtig ist. Aber wir erwarten mehr Anerkennung für das, was unsere Bauernfamilien geleistet haben.

Ich höre heraus, dass es Ihnen stinkt, dass die Landwirtschaft der Schwarze Peter unserer Gesellschaft ist?

Es ist einfach, auf eine kleine Gruppe zu zielen und diese für vieles verantwortlich zu machen. Und es ist nicht überraschend, dass die Umweltprobleme ganz anders beurteilt werden, wenn jeder mit seinem eigenen Verhalten betroffen ist.

Markus Ritter kritisiert Trinkwasser-Initiative und Pestizid-Initiative als extreme Forderungen

Damit wären wir bei den Pflanzenschutzmittel-Initiativen, über die am 13. Juni 2021 abgestimmt wird. Die meisten Argumente dafür und dagegen sind bekannt. Welches Argument für ein Nein fehlt noch?

Über den Text der Trinkwasser-Initiative hat man bisher zu wenig geredet. Über die Forderung, dass beim Einsatz von Pflanzenschutzmittel und betriebsfremden Futtermitteln dem Betrieb – ob Bio oder konventionelle Landwirtschaft – die Direktzahlungen verloren gehen.

Das ist eine extreme Forderung, die für uns nicht akzeptabel ist. Das sage ich auch als Bio-Landwirt. Ich kaufe ja auch Futter von meinem Nachbarn, der ebenfalls Bio-Bauer ist. Das würde die Landwirtschaft in eine völlig falsche Richtung führen.

Die Pestizid-Initiative möchte dagegen alle chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmittel verbieten. Und dies auch bei den importierten Lebensmitteln.

Das würde im Pflanzenbau dazu führen, dass man in einem sehr wichtigen Bereich weitgehend den Bio-Standard zu erfüllen hat – was die Lebensmittel in der Schweiz massiv verteuern würde, auch für Import-Produkte. Die Lebensmittel-Produktion in der Schweiz würde deutlich zurückgehen.

Wenn man über Land fährt, sieht man fröhlich 10'000 Fahnen flattern, die der SBV verteilt hat. Aber wie ist die Stimmung bei den Landwirten, die in den letzten Jahren zum Spielball von Politik, Medien und Gesellschaft geworden sind?

Ich erlebe in vielen Gesprächen, dass die Landwirte frustriert sind. Wir müssen sehr viele Vorwürfe einstecken wegen dem Hofdünger, den Pflanzenschutzmitteln und dem Trinkwasser.

Die Landwirtschaft ist an allem Schuld – und bei anderen Branchen schaut man grosszügig weg. Dabei kommen 60 Prozent der Mikro-Verunreinigung in den Gewässern aus den Abwasser-Reinigungsanlagen und nicht aus der Landwirtschaft. Aus Haushalten (Medikamente, Haushaltschemikalien und Körperpflegeprodukte), Strassenentwässerung und aus der Industrie (Schwermetalle).

Es wäre wichtig, den Bauern auch mal zu sagen: Ihr leistet sehr viel für das Land. Für gesunde Lebensmittel und für eine gesunde Umwelt.

Wir dürfen uns nicht von den Umweltverbänden ins Bockshorn jagen lassen. Die leben von diesen Themen, generieren damit Spenden. Die leben von der Verunsicherung der Bevölkerung, vom Angstmachen. Nur dann bekommen sie Spenden. Nur dann bekommen sie Legate.

Eine Art Gegenvorschlag zu den Pflanzenschutzmittel-Initiativen ist die Parlamentarische Initiative des Ständerates, mit der sich der Pflanzenschutzmittel-Einsatz gezielt optimieren und die damit verbundenen negativen Umwelteinwirkungen minimieren lassen. Diese Parlamentarische Initiative passt dem Schweizer Bauernverband auch nicht. Was ist daran falsch?

Die Umsetzung der Parlamentarischen Initiative des Ständerates «Massnahmenpaket für sauberes Trinkwasser und eine nachhaltigere Landwirtschaft» wird für uns sehr anspruchsvoll werden. Dies gilt sowohl für den Absenkpfad Pflanzenschutzmittel und Nährstoffe.

Wir befürworten auch, dass Biozide geregelt werden, dass man vorsichtig umgeht mit Reinigungsmitteln und Chemikalien. Es nützt nichts, wenn nur die Landwirtschaft vorsichtig ist – und alle anderen keine Rücksicht nehmen.

Und wir wollen auch bei den Nährstoffen die Ziele erreichen. Wir haben aber einige Punkte in dieser Parlamentarischen Initiative, die nicht funktionieren:

  • Bei den Abbauprodukten der Pflanzenschutzmittel (Metaboliten) werden relevante und für die menschliche Gesundheit nicht relevante Metaboliten bezüglich Grenzwert auf die gleiche Stufe gestellt.
  • Bei der Ausscheidung der Zuströmbereiche, also dort wo das Wasser in die Quelle oder ins Grundwasservorkommen kommt, fordern wir einen Bericht und eine Vernehmlassung. Und nicht gleich eine Gesetzgebung.
  • Die Offenlegungspflicht für Kraftfutter und Dünger wird Lieferanten und Landwirten zusätzlichen administrativen Aufwand bringen.

Aber die grundsätzliche Stossrichtung der Parlamentarischen Initiative haben wir von an Anfang befürwortet und dieser schlussendlich auch zugestimmt.

Eine letzte Frage noch zu diesen Initiativen: Sie haben sich vehement gegen eine Offenlegungs-Pflicht für Futtermittel gewehrt. Sie selber beziehen als Bio-Landwirt auch Heu von einem benachbarten Bio-Landwirt. Wäre es im derzeit sehr frostigen Klima für die Landwirtschaft nicht sinnvoll gewesen, ein solch symbolisches Zugeständnis zu machen?

Wenn es nur Symbolik wäre, wäre ich sofort dafür. Aber bei der Offenlegungs-Pflicht wollte man sämtliche Lieferungen so erfassen, wie das im Hoduflu-Programm für Hofdünger-Flüsse bereits heute der Fall ist.

Unser Bio-Betrieb hatte im Jahr 2020 zehn Lieferungen von Gras-Siloballen und fünf Mal kleinere Lieferungen von Heu. Ich kaufe auch ein paar Lieferungen Zuckerrüben-Schnitzel und einige wenige Lieferungen Kraftfutter. Das hätte jedes Mal zu einem entsprechenden Eintrag durch den Lieferanten geführt und ich als Landwirt muss das quittieren.

Wir wehren uns dagegen, dass wir immer mehr Aufzeichnungen machen müssen. Auch wenn das elektronisch möglich sein sollte. Der administrative Aufwand wird mit dieser Parlamentarischen Initiative weiter zunehmen.

Auf den Schweizer Landwirtschaftsbetrieben haben wir im Durchschnitt 1,4 Familienarbeitskräfte, die alles machen. Sie müssen sich um die Tiere und die Maschinen kümmern, Felder bewirtschaften, die Milch oder die Ernte zum Abnehmer fahren – und nach einem langen Arbeitstag noch alle möglichen Formulare ausfüllen.

Ich höre immer öfter, dass das einfach zu viel ist. Und wir laden immer noch mehr drauf, und noch mehr und noch mehr. Für die Betriebe gibt es keine höhere Entschädigung, sondern nur mehr Aufwand. Und das versuchen wir dem Bundesrat zu erklären und auch zu zeigen: Dass das für unsere Bauernfamilien eine Belastung ist, die kaum noch zu stemmen ist.

Die Bürokratie in der Schweizer Landwirtschaft wird immer schlimmer

Ich habe kürzlich kommentiert, dass die ganze Bürokratie der Schweizer Landwirtschaft auf den Misthaufen gehört. Das war eine Provokation. Aber ganz ehrlich – das Dümmste wäre es nicht? Oder wie viele Stunden sitzen Sie jede Woche am Schreibtisch, um Formulare auszufüllen?

Es sind jede Woche mehrere Stunden. Vor allem Ende Jahr, wenn die Abschlüsse fällig sind und ich alle Formulare für den Bio-Bereich auf das neue Jahr wieder anpassen muss. Alleine dafür sitze ich zwei ganze Tage im Büro.

Tag für Tag müssen alle anderen Formulare nachgeführt werden, zum Beispiel der Feldkalender. Und dann gibt es viele andere Aufzeichnungen für die Strukturdaten-Erhebungen und natürlich die ganze Buchhaltung.

Als Wirtschaftsingenieur bin ich in der Büroarbeit relativ schnell. Aber auch bei mir macht die Büroarbeit sicher über 10 Prozent meiner bäuerlichen Tätigkeit aus. Ein durchschnittlicher Schweizer Landwirt braucht dafür wahrscheinlich noch mehr Zeit.

Wenn wir die Agrarpolitik aktualisieren, muss man sich immer fragen, wie machen wir sie besser. Daran müssen sich Bundesrat, Bundesverwaltung und Parlament messen lassen.

Es müsste die grundlegende Einsicht bei Bundesrat und Verwaltung da sein, dass man wirklich etwas in der Substanz vereinfachen muss. Im Moment sehe ich das aber noch nicht.

Markus Ritter zur «Agrarlobby stoppen»-Kampagne der Umweltverbände

Dies dürfte nur schon deshalb nicht möglich sein, weil die Landwirtschaft seit einigen Jahren unsere Gesellschaft polarisiert. Die Kampagne «Agrarlobby stoppen» schiesst mit 1,8 Mio Franken Budget gezielt auf den Schweizer Bauernverband und auf dessen Präsidenten, also auf Sie. Gehen Sie jetzt in Deckung?

Nein, wir gehen nicht in Deckung. Das wäre gar nicht unsere Haltung. Aber wir sind sehr enttäuscht. Wir haben bisher mit den Umweltverbänden BirdLife Schweiz, Greenpeace Schweiz, Pro Natura und WWF Schweiz einen guten Dialog gepflegt, trotz unterschiedlichen Meinungen. Die jetzige Kampagne gegen den Schweizer Bauernverband hat mich deshalb sehr enttäuscht. Vor allem, wenn man den Hintergrund dazu kennt.

Ein bekannter Ständerat hat beim WWF nachgefragt, warum sie diese Kampagne führen und bekam zur Antwort: «Wir haben im Moment zuviel Geld und keine andere Kampagne. Etwas müssen wir ja machen.» Das hat mich wirklich getroffen. Nur damit die Umweltorganisationen ihre Kampagnenleiter beschäftigen können, richten sie gewaltige politische Kollateralschäden an.

Von der strategischen und operativen Führung des WWF hätte ich erwartet, dass sie etwas weiter vorausdenken und überlegen, ob eine solche Kampagne sachpolitisch einen Mehrwert hat. Man kann ja immer unterschiedlicher Meinung sein. Und man kann mir auch sagen, ich erzähle einen Mist in dieser oder jener Sachfrage. Aber wenn man nur auf den Bauernverband und dessen Präsidenten schiesst, ist das einfach zu wenig. Auch für eine Umweltorganisation.

Von aussen hat man den Eindruck, dass der Bauernverband in der Defensive ist und nur auf Druck von aussen reagiert. Hätten radikale Forderungen nicht früher gestoppt werden können? Zum Beispiel durch ein gemeinsames Einstehen aller Landwirtschafts-Akteure für eine vernünftige Reduktion von Pflanzenschutzmitteln?

Bei allen Entscheiden, die der Bauernverband fällt, werden immer auch die landwirtschaftlichen Fach- und Kantonal-Organisationen konsultiert. Und natürlich sind wir auch im Austausch mit dem Bundesamt für Landwirtschaft BLW.

Dass wir in den letzten Jahren nicht stärker auf der Schiene Bio gefahren sind, hängt stark mit der Marktnachfrage zusammen.

Die konventionellen Schweizer Landwirte setzen nur Pflanzenschutzmittel ein, die vom Bundesamt für Landwirtschaft zugelassen wurden (ab 2022 vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV). Wenn ein Mittel vom BLW oder vom BLV nicht mehr als ungefährlich eingeschätzt wird, dann muss die Zulassung entzogen werden. Darauf müssen wir Landwirte uns verlassen können. Da kann man nicht einfach die Verantwortung auf die Bäuerinnen und Bauern schieben. Da steht ganz klar der Bund in der Verantwortung.

Die Kampagne «Agrarlobby stoppen» behauptet, dass der Bauernverband die Interessen von Konzernen wie der Fenaco vertritt. Fenaco-Präsident und Meisterlandwirt Pierre-André Geiser sitzt tatsächlich im SBV-Vorstand. Sie machen es Ihren Gegnern schon ein bisschen leicht, oder?

Nein, das ist sicher nicht der Fall. Das Denken im Vorstand des Bauernverbandes ist immer aus Sicht unserer Bauernfamilien – und nicht von vorgelagerten oder nachgelagerten Branchen bestimmt. Entscheidend ist auch, was für Produkte wir verkaufen können. Wieviel IP-Suisse wollen die Konsumenten, wieviel Bio Suisse? Wieviel sind sie bereit, für ein Label mehr zu zahlen?

Wir haben innerhalb des Vorstandes des Bauernverbandes überhaupt keine Differenzen über die Produktionsarten, weil wir uns am Markt ausrichten. Wenn alle Schweizer Konsumenten Bio kaufen wollen und bereit sind, den Mehrpreis dafür zu zahlen, dann wäre das eine klare Ansage für den Bauernverband.

Aber der Marktanteil von Bio-Produkten ist in der Schweiz immer noch unter 11 Prozent. Und gerade bei der Milch sind zu viel und zu wenig nahe beieinander.

Jetzt mal ehrlich, Markus Ritter, vielleicht hat der Schweizer Bauernverband mit seiner kompromisslosen Politik in den letzten Jahren das Fuder einfach überladen? Vielleicht hätten Sie als SBV-Präsident weniger den «Fürst» von Machiavelli (nach dem zur Erhaltung politischer Macht jedes Mittel erlaubt ist) lesen sollen und stattdessen mehr das Manifest von Mahatma Gandhi?

Ich schätze Mahatma Gandhi sehr. Aber Gandhi könnte im Bundeshaus das ganze Jahr auf der Eingangstreppe sitzen – die Politiker, die Beamten und die Medien würden ihn nicht einmal beachten. Im Bundeshaus geht es um die Mehrheiten. Und da werden auch mal die Ellenbogen eingesetzt. Wenn sich die Landwirtschaft nicht wehren kann, dann würden wir untergehen.

In Zahlen geht es immer darum, dass man 4 Bundesräte, 23 Ständeräte und 100 Nationalräte überzeugen kann. Das ist die Mehrheit, das ist unsere Messlatte, an der wir uns orientieren.

Wir bleiben bei denen drei Zahlen. Nämlich 4, 23 und 100. Sie haben gesagt, damit bringt man jedes Geschäft durch. Der Schweizer Bauernverband hat aber in letzter Zeit einige Geschäfte verloren. Geht Ihre Rechnung nicht mehr auf?

Mir kommen nur wenige Geschäfte spontan in den Sinn, bei denen wir keine Mehrheiten gefunden haben.

Ein wichtiger Faktor in der Schweizer Landwirtschaftspolitik sind je länger, je mehr die Umweltverbände. Jeder zehnte Schweizer ist heute Mitglied in einem dieser Umweltverbände. Alleine WWF, Pro Natura, Greenpeace und BirdLife haben gemäss «NZZ» ein Budget von 115 Mio Franken pro Jahr. Im Vergleich dazu ist der SBV mit seinen 18 Mio Franken armengenössig. Haben Sie da überhaupt noch eine Chance?

Diese neue Agrarlobby gibt uns schon zu denken. Aber nicht nur uns. Auch dem Schweizer Gewerbeverband SGV und der Economie Suisse. Die Umweltverbände haben sich schleichend zu einer extremen Macht im Staat entwickelt.

Mit ihren Ratings der Parlamentarier üben die Umweltverbände grossen Druck aus. Politiker der Grünen, Grünliberalen, Sozialdemokraten und EVP haben panische Angst vor diesen Ratings. Die wagen sich praktisch nicht mehr, sich gegen die Umweltverbände zu stellen. Und das ist für mich ein Zeichen von mangelnder Demokratie und von fehlendem Demokratieverständnis.

Die Umweltverbände muss man heute sehr ernst nehmen. Das sind nicht mehr nur ein paar Schmetterlings-Zähler, die mit Wollpullovern im Gras sitzen und in die Luft schauen. Das sind hochprofessionelle Leute, die in PR, Marketing und Fundraising (Mittelbeschaffung) sehr stark sind. Das sind sehr ernst zu nehmende Player auf dem politischen Parkett.

Es gibt aber auch die sogenannten Agrar-Experten von kleinen Randgruppen oder Splittergruppen. Wenn es um Landwirtschaft geht, zitieren die Schweizer Medien immer wieder die gleichen drei sogenannten Agrar-Experten. Was läuft da falsch?

Die Medien suchen immer den Gegensatz. Und wenn der Schweizer Bauernverband eine Meinung vertritt, dann suchen die Journalisten natürlich jemanden, der das Gegenteil erzählt. Diese Splittergruppen haben wenige Mitglieder, teilweise nur eine Handvoll Aktivisten. Aber sie haben eine andere Meinung. Und das ist für die Medien interessant, dadurch erhalten sie Gewicht.

Und die Journalisten suchen natürlich eine Kontroverse, wollen Spannung aufbauen. Sie stellen kritische Fragen und versuchen, die Politiker herauszufordern. Das machen sie ja auch in diesem Kreuzverhör. (Ritter lacht)

Richtig. Ist es nicht so, dass für den Bauernverband einfach zu viele alte Männer in der Öffentlichkeit stehen? Wäre es nicht attraktiver, neue Gallions-figuren zu haben. Statt einem Bio-Landwirt aus dem St.Galler Rheintal junge, gut ausgebildete LandwirtInnen und AgronomInnen?

Das wäre absolut denkbar. Es nützt aber nichts, wenn jemand «nur» jung ist, «nur» gut ausgebildet oder «nur» weiblich. Entscheidend ist, dass er oder sie über eine Kombination der verschiedenen Fähigkeiten verfügt und politische Erfahrung mitbringt. Und eine dicke Haut. Man muss bereit sein, sich in den rauen Wind hinaus zu stellen.

Und es braucht grosse Unabhängigkeit. Man darf von dieser Aufgabe nicht abhängig sein. Es muss dir jeden Tag möglich sein, auch ohne diese Funktion zu leben. Sonst hast du nicht den Mut hinzustehen, die Wahrheit zu sagen und entsprechend klar aufzutreten. Das ist ganz wichtig. Wenn jemand Junges das kann, die Entschlossenheit und Durchsetzungskraft mitbringt, dann steht dem gar nichts im Wege.

Ich selbst wurde 2012 mit 45 Jahren als Präsident des Schweizer Bauernverbandes gewählt. Der nächste Präsident oder die nächste Präsidentin ist vielleicht noch jünger – das Alter darf aber nicht entscheidend sein.

Mit 30 Jahren hat man heute die Ausbildung abgeschlossen und die ersten Berufsjahre hinter sich. Es braucht aber viel Führungserfahrung aus verschiedenen Funktionen, um einen grossen Verband zu führen – und diese Erfahrung hilft enorm. Ich war in Altstätten SG zwanzig Jahre im Stadtrat und hatte dort viel mit Raumplanung und Bauen zu tun; mit Strom, Wasser und Abwasser. Und das hilft mir heute extrem beim Argumentieren in verschiedenen Dossiers.

Und so Jemanden wünsche ich mir einmal für meine Nachfolge. Da ist nicht wichtig, woher er kommt und wie alt er ist. Sondern, dass er Fähigkeiten mitbringt, um die Landwirtschaft kompetent auf jeder Stufe zu vertreten. Und auch den Mut hat, auch im Gegenwind gerade zu stehen. Wenn man Rückenwind hat, dann ist das keine Sache.

Als SBV-Präsident führen sie Landwirte vom Bergbauern im Bündnerland bis zum Grossbauern im Berner Seeland – dazu sogar noch die Berufsfischer. Vom kleinen Bio-Landwirt bis zum intensiv produzierenden Gross-Bauern. Und politisch ist der SBV genauso divers: Von den Grünen und Sozialdemokraten über Die Mitte und die Grün-liberalen bis zu den Freisinnigen und der SVP. Ist Ihnen die Führung dieses Flohzirkus noch nicht verleidet?

Nein. Es ist sicher die spannendste Aufgabe, die man im Bundeshaus haben kann. Und es ist eine Herausforderung, damit Mehrheiten zu finden. Dazu braucht es drei Mechanismen:

  • Wir orientieren uns an der Nachfrage der KonsumentInnen und wollen dadurch von den Ideologien der Produktionsarten wegkommen.
  • Wir kombinieren die Instrumente Grenzschutz und Direktzahlungen. Der Grenzschutz ist wichtiger für das Talgebiet, für die produzierende Landwirtschaft, hat aber auch für das Berggebiet eine Bedeutung. Die Direktzahlungen sind wichtiger für das Berggebiet , haben aber auch für das Talgebiet eine Bedeutung.
  • Die Bäuerinnen und Bauern, aber auch unsere politischen Mitbewerber, müssen verstehen, dass für uns nicht die Direktzahlungen alles entscheidend sind. Die Verkaufserlöse der Produkte machen 80 Prozent unseres Umsatzes aus. Daran müssen wir denken.

Dafür müssen wir uns in den grossen, grundlegenden Themen der Schweizer Landwirtschaft einig sein. Dann können wir auch vereint aufzutreten und gemeinsam vorwärts zu gehen: Über die 65 verschiedenen Produktionsrichtungen und die unterschiedlichen Interessen der Berg- und Talzonen, über die verschiedenen Parteien, über alle Landesgegenden und Landessprachen.

Eine letzte Frage, Markus Ritter: Ist es überhaupt noch eine Freude, ein Schweizer Landwirt zu sein?

Grundsätzlich haben wir Bauern den schönsten Beruf, den es gibt. Wir leben und arbeiten mit der Natur und unseren Tieren. Jetzt im Frühling, wenn ich sehe, dass die Natur erwacht und die Bienen wieder fliegen. Oder wenn die Schafe schon draussen sind. Oder auch, dass man etwas arbeiten kann. Wenn gegüllt oder gemistet ist. Dann ist das eine Riesenfreude.

Was aber vielen Bäuerinnen und Bauern auf das Gemüt schlägt, ist die Dauerkritik von Politik, Umweltorganisationen und Medien. Das wird auch die nächsten Jahre bleiben, weil die Landwirtschaft im Gegensatz zu anderen, abstrakten Themen für die Bevölkerung über die Lebensmittel und die Landschaft jeden Tag erlebbar ist. Jeder und jede hat eine Meinung zur Landwirtschaft.

Deshalb werden wir auch in den nächsten Jahren weitere Initiativen zur Landwirtschaft haben. Es gilt weiterhin unsere Arbeit gut zu machen, dann können wir die Fragen beantworten und werden auch weiterhin das Vertrauen der KonsumentInnen und der Bevölkerung geniessen.

Alle Interviews für «die grüne» werden zunächst im Wortlaut transkribiert und danach – in Absprache mit den Gesprächspartnern – zur besseren Verständlichkeit bearbeitet und wenn notwendig gekürzt.

Markus Ritter, Präsident des Schweizer Bauernverbandes SBV

  • Markus Ritter (1967) ist seit 2012 Präsident des Schweizer Bauernverbandes SBV.
  • Der studierte Wirtschaftsingenieur und Meisterlandwirt führt in Altstätten SG einen 28 ha grossen Bio-Landwirtschaftsbetrieb mit Milchwirtschaft und Hochstamm-Obstbäumen.
  • Von 1993 bis 2012 war Markus Ritter im Stadtrat von Altstätten SG. 2011 wurde er in den Nationalrat gewählt.
  • Markus Ritter war von 1992 bis 2000 im Vorstand des St. Galler Braunviehzuchtverbandes und 2005 bis 2013 Präsident des St. Galler Bauernverbandes.
  • Seit 2006 politisiert Ritter im Vorstand des Schweizer Bauernverbandes SBV. Seit 2012 ist er als erster Bio-Landwirt SBV-Präsident.
  • Ritter ist verheiratet, Vater dreier Kinder und wohnt in Altstätten im St. Galler Rheintal.

 

Betriebsspiegel des Landwirtschaftsbetriebes von Markus Ritter

Familie Heidi und Markus Ritter, Altstätten SG

  • LN: 28,8 ha
  • Bewirtschaftung: Bio
  • Kulturen: Naturwiesen (20,3 ha), Weide, Mais, Weizen, Kunstwiese, Wald (2,1 ha)
  • Öko-Fläche: 1,3 ha Extensiv-Wiese (Trockenstandorte) und 0,65 ha Extensiv-Weide200 Hochstamm-Obstbäume, davon 20 Nussbäume
  • Tierbestand: 26 Milchkühe (Braunvieh), 20 Stück Jungviehzur Aufzucht, 4 Mutterschafe und 10 Bienenvölker
  • Arbeitskräfte: Heidi und Markus Ritter, die Söhne Adrian und Daniel als Landwirte EFZ sowie eine Praktikantin
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